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Tagung befasst sich mit Geschlechtsidentitätsstörungen von Kindern und Jugendlichen

Rund 140 Teilnehmende setzten sich bei der 31. Jahrestagung der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Weissenau mit den psychotherapeutischen und rechtlichen Folgen der Trans*-Identität von Kindern und Jugendlichen auseinander.

Jungs, die mit Puppen spielen und Röcke tragen möchten. Mädchen, die das Gefühl haben, im falschen Körper geboren zu sein. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die eine Geschlechtsinkongruenz aufweisen und spürbar darunter leiden, wächst.  Im Rahmen einer Tagung des ZfP Südwürttemberg am Standort in Weissenau befassten sich Professionelle und Teilnehmende mit dem Thema Trans*-Identität.

 „Dass manche Menschen seit der Kindheit sich beständig nicht mit dem biologischen Geschlecht beziehungsweise mit der zugeschriebenen Geschlechtszugehörigkeit identifizieren können und unter dieser Diskrepanz anhaltend leiden, ist eine Tatsache, die einer Anerkennung und eines sensiblen Umganges bedarf“, erklärte Regionaldirektor Prof. Dr. Juan Valdés-Stauber bei der Begrüßung. Rund 140 Teilnehmende setzten sich bei der 31. Jahrestagung der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Weissenau mit den psychotherapeutischen und rechtlichen Folgen der Trans*-Identität von Kindern und Jugendlichen auseinander. Welchen Stellenwert sollte der Wunsch nach einer Geschlechtsangleichung erhalten? Welche rechtlichen Aspekte sind hinsichtlich der therapeutischen und medizinischen Intervention zu beachten? Und wie sollen Eltern handeln, wenn ihr Kind sagt: „Ich bin im falschen Körper“?

 Dr. Alexander Korte, Oberarzt am Klinikum der Universität München, positionierte sich klar gegen eine frühzeitige Hormonbehandlung und warnte vor einem "Trans-Hype". Um die Risiken einer hormonellen Behandlung, vor allem eine hormonelle Pubertätsblockade, zu minimieren, plädierte er für ein altersdifferenziertes Vorgehen. Seiner Empfehlung zufolge sollten körperverändernde Maßnahmen nicht vor Abschluss der psychosexuellen Entwicklung erfolgen. Stattdessen sei das Ziel einer ergebnisoffenen Psychotherapie, Heranwachsende in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen, das Leiden zu reduzieren, aber nicht die Geschlechtsidentität umzupolen: „Nur, weil ein Kind sich nicht geschlechtskonform verhält, heißt das nicht zwangsläufig, dass es sich im falschen Körper befindet“, betonte der Experte; daher ist ein wachsames Abwarten mit Begleitung sinnvoll. In jedem Fall sei eine präzise Diagnostik über mehrere Jahre hinweg wichtig, bei der man auch nach möglichen Quellen suchen sollte, aus denen sich der Geschlechtsidentitätskonflikt speisen könnte.

 Die Chefärztin der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich, Dr. Dagmar Pauli, vertrat einen etwas anderen Standpunkt. Die Expertin für Transgender leitet seit über zehn Jahren  eine Sprechstunde für Transkinder und -jugendliche. „Wir können nicht ignorieren, dass es Kinder- und Jugendliche gibt, für deren Leidensdruck wir ein wirksames Heilmittel haben“, erklärte die Kinder- und Jugendpsychiaterin. „Wenn es deutlich wird, dass die Geschlechtsdysphorie persistiert und fest verankert ist, dann bedarf das Kind einer entlastenden Antwort und diese bedeutet auch aktiv auf milieubezogene und hormonelle Hilfen zurückzugreifen, stets mit psychotherapeutischer Begleitung“. Zu späte medizinische Interventionen können die Rate von Suizidalität erhöhen und den späteren Nutzen für die Betroffenen verschlechtern. Eine große Rolle spielt laut der Expertin auch die Beratung der Familien. „Es gilt, soziale Akzeptanz zu fördern und den Druck abzubauen, sich geschlechtstypisch zu verhalten und entsprechend Zuschreibungen von der Umwelt zu erhalten.“ Bei vielen Kindern genüge es, wenn die Eltern hinsichtlich Toleranz und Umgang mit den praktischen Problemen der neuen Genderrolle beraten werden.

 Welchen Einfluss das Umfeld auf das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen mit einer Trans*-Identität hat, untersuchte ein Forschungsteam um Naina Levitan. Die Doktorandin am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf und Ärztin am Vivantes Klinikum Berlin-Friedrichshain konnte durch eine Studie belegen, dass neben dem familiären Umfeld vor allem die Beziehungen zu Gleichaltrigen entscheidend sind. Insbesondere der Bereich „Schule“ sei oft mit Ausgrenzung verbunden. „Das sind wichtige Erkenntnisse für die therapeutische Begleitung“, erklärte Levitan. Dieser Aussage stimmten auch Tristan Barteczek und Helen Baur zu. Sie sind Teil der offenen Gruppe Trans*Youth, die sich einmal monatlich in Friedrichshafen trifft und berichteten über ihre Arbeit. „Wir wollen in erster Linie einen sicheren Raum schaffen, in dem Betroffene sich austauschen können, Selbstbewusstsein aufbauen und Handlungsspielräume kennenlernen“, so Bauer.

 Welche gesetzlichen Vorgaben es gibt, wenn jemand die ihm bei Geburt zugewiesen Gender-Identität ändern möchte, erläuterte Prof. Dr. Renate Schepker. Die ehemalige Regionaldirektorin des ZfP Südwürttemberg Ravensburg-Bodensee und erfahrene Kinder- und Jugendpsychiaterin gab zudem einen Überblick, wie sich die einzelnen Parteien zur Änderung des Personenstandes und der Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen positionieren. Nach viel interessanter Theorie wurde es zum Abschluss der Tagung ganz praktisch. Anne Roth, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie Weissenau stellte zwei anonymisierte Fallbeispiele vor. „Auch wir machen oft die Erfahrung, dass die Problematiken hinsichtlich der geschlechtlichen Identität vor allem im schulischen Kontext deutlich werden“, so Roth. Daher schließt die Behandlung diesen Bereich mit ein, beispielsweise in dem man gemeinsam mit Kind und Eltern überlegt, welche Absprachen mit der Schule getroffen werden.