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„Wir konnten die besondere Stellung der Psychiatrie erfolgreich verteidigen“

Professor Dr. Renate Schepker verabschiedet sich in den Ruhestand.

Mehr als 16 Jahre lang war Professorin Dr. Renate Schepker eine der prägenden Persönlichkeiten im ZfP Südwürttemberg - zunächst als Chefärztin der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters in Weissenau, seit 2018 als Direktorin der Region Ravensburg-Bodensee. Nun geht die gebürtige Oberhausenerin in den Ruhestand. Zum Abschied wünscht sich die national wie international anerkannte Fachärztin vor allem, dass in der Psychiatrie wieder mehr Zeit für die Patient:innen bleibt.

REDAKTION: Welche Entwicklungslinien hat es in der Psychiatrie in Ihrer Zeit beim ZfP Südwürttemberg gegeben?
PROF. DR. RENATE SCHEPKER: In der Kinder- und Jugendpsychiatrie erfolgte die systemische Wende, welche sich in einer neuen Fokussierung auf die Familie als Ganzes in der Behandlung vollzog. In der Allgemeinpsychiatrie war die gemeindepsychiatrische Orientierung eine Dominante. Fachbereichsübergreifend erfolgte zudem eine ‚Ambulantisierung‘ der Angebote sowie ein steter Ausbau von aufsuchenden Behandlungsformen.

REDAKTION: Welche Erfolge sehen Sie?
SCHEPKER: Unter anderem ist es uns gelungen, die Opferentschädigung aus dem SGB 1 heraus in ein eigenes Sozialgesetzbuch zu bringen, die Reform des Kinder- und Jugendhilfegesetzes anzustoßen, Freiheitsentziehung besser zu regulieren sowie dem SGB 9 und dem Bundesteilhabegesetz Leben einzuhauchen.

REDAKTION: Sehen Sie die psychiatrische Versorgung in der Region auf einem guten Weg?
SCHEPKER: Bezogen auf die Gemeindepsychiatrie war die Region Ravensburg-Bodensee immer beispielgebend. Als ich anfing, gab es bereits die Hilfeplankonferenz, es gab die gemeindepsychiatrischen Verbünde und es gab die Differenzierung von Wohnformen bis hin zur Familienpflege. Es war hier auch die erste Werkstatt für psychisch kranke Menschen entstanden. Dieses hohe Maß an Innovation war auch der Grund, warum ich nach Weissenau gegangen bin.

REDAKTION: Wo sehen Sie noch Entwicklungspotenziale oder auch -bedarfe?
SCHEPKER: Ich sehe noch viele Bedarfe in der kommunalen Vernetzung. Zudem müssen wir inzwischen wieder verstärkt Abwehrkämpfe führen: Es wird finanziell schwieriger und die Frage stellt sich, wer welche Leistung übernimmt. Auch die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes wird große Herausforderungen mit sich bringen. Das ganze ‚In die Fläche gehen‘ muss verteidigt werden gegen ökonomische Zwänge.

REDAKTION: Wie sehen Sie die Situation auf wirtschaftlicher Ebene?
SCHEPKER: Seit ich die Psychiatrie kenne, war sie immer ein gesellschaftspolitisch wichtiges Fachgebiet. Diese besondere Stellung innerhalb der Medizin konnten wir bisher erfolgreich verteidigen, weshalb die Situation sich hier noch etwas anders darstellt als im somatischen Bereich. Allerdings steht das für die Zukunft sehr in Frage – vor allem unsere großen Errungenschaften, auch dezentral mit kleinen Einheiten vor Ort zu arbeiten, sind
in Gefahr.

REDAKTION: Welche weiteren Notwendigkeiten sehen Sie auf Bundesebene?
SCHEPKER: Viele gute Ideen, Konzepte, Modelle sind leider nicht überall angekommen. Wir hier in der Region sind ein Stück weit ein Leuchtturm geblieben, obwohl das gar nicht so gut ist, denn: Vernünftige Konzepte sollten sich eigentlich überall durchsetzen. Ein weiterer Punkt, bei dem ich mir mehr erhofft hatte: Leider haben wir es nicht geschafft, die großen Unterschiede in der Kassenlandschaft zu überwinden, obwohl dies krass unvernünftig ist. Darüber hinaus haben sich die stationären Verweildauern drastisch verkürzt und gleichzeitig der bürokratische Aufwand deutlich erhöht. Dadurch erhalten die Patienten weniger Psychotherapie als früher, weil die Zeit dafür fehlt. Dies führt dazu, dass sie ‚unfertiger‘ entlassen werden müssen und man anschließend mehr Nachsorge betreiben muss.

REDAKTION: Was würden Sie sich für die Zukunft der Psychiatrie wünschen?
SCHEPKER: Die Möglichkeit, dass viel mehr sektor- und systemübergreifend gearbeitet werden kann, ohne Leistungsausschlüsse gemeinsam im Sinne der Patienten. Zum Beispiel: Dass man neben der Institutsambulanz keine laufende Psychotherapie machen darf, ist eigentlich ein Skandal. Auch dass man eine stationsäquivalente Behandlung nicht „herunterdosieren“ und ausschleichen kann, sondern einfach beenden muss, ist nicht gut. Und wir müssen sicherlich die Tendenzen loswerden, dass Psychiatrie in Privatisierung betrieben werden kann und dass das ein Geschäftsmodell ist. Das ist beim ZfP allerdings nie der Fall gewesen.

REDAKTION: Nach welchen Grundsätzen haben Sie versucht, Ihre Arbeit anzugehen?
SCHEPKER: Mir war stets wichtig, die Dinge aus Sicht der Patientin oder des Patienten zu betrachten. Jeder Standpunkt ist zunächst mal in irgendeiner Weise berechtigt. Ein mir ebenfalls wichtiges Prinzip war, mehr zu leiten als zu führen und auch, sich für keine Arbeit zu schade zu sein und zuhören zu können. Gerade Letzteres halte ich für sehr wichtig, wie auch, den Kontakt zur eigenen Lebendigkeit, zur Jugendlichkeit nicht zu verlieren. Es gibt ja für alles Lösungen, auch wenn sie manchmal verrückt sind, dazu ist aber Kreativität gefragt.

REDAKTION: Auf was freuen Sie sich im Ruhestand am meisten?
SCHEPKER: Mehr Zeit für meinen Enkel zu haben, mehr meine Zeit selbst einteilen zu können, mehr zu lesen und zu reisen, und auch mal werktags und nicht nur am Wochenende Joggen gehen zu können.