Picture

Brückenbauen in Krisenzeiten

Gemeinsame Aktivitäten im therapeutischen Setting geben Menschen mit Suchterkrankungen Tagesstruktur und Halt. Das ist gerade in Pandemiezeiten wichtig.

Einschränkungen der sozialen Kontakte, fehlende Tagesstruktur, Ängste und finanzielle Probleme - die Corona-Pandemie beeinträchtigt uns alle. Besonders für Menschen mit Suchterkrankungen ist das eine schwierige Zeit. Die Suchttagesklinik, die das ZfP Südwürttemberg im Ulm betreibt, bleibt eine wichtige Anlaufstelle.

„Unsere Angebote sind derzeit gefragt wie nie“, berichtet Dr. Barbara Gerstenmaier, ärztliche Leiterin der Suchttagesklinik, die das ZfP Südwürttemberg in Ulm betreibt. „Während wir zu Beginn der Pandemie den Eindruck hatten, dass Menschen mit Suchterkrankungen aufgrund ihrer Krisenerfahrung sogar etwas besser mit der Situation zurechtkamen, hat sich die Lage im zweiten Lockdown deutlich verschlechtert.“ Denn Einsamkeit, fehlende Tagesstruktur und der Wegfall von sozialer Kontrolle, beispielsweise im Homeoffice, machen besonders Menschen mit einer Suchterkrankung zu schaffen. „Hinzu kommt, dass Entlastungsmechanismen wegfallen, da derzeit kaum Selbsthilfegruppen stattfinden und Sportangebote fehlen“, erklärt Anje Gerring, pflegerische Leiterin.

Die Suchttagesklinik mit angeschlossener Ambulanz ist Teil des Suchttherapiezentrums und wichtiger Baustein bei der Versorgung abhängigkeitskranker Menschen. „Wir unterstützen vor allem in Form von Beziehungsangeboten und mit Tagesstruktur“, berichtet Gerstenmaier. So gehören zum Angebot der Ambulanz beispielsweise tägliche Kurzkontakte, bei denen die Abstinenz kontrolliert wird. Außerdem wird täglich eine Notfallsprechstunde für Betroffene, Angehörige, Niedergelassene und Kliniken geboten, bei der es kurzfristige Hilfe bei jeglicher Art von Suchterkrankung gibt. Nach Ostern sollen auch wieder Gruppenangebote stattfinden, die derzeit leider pausieren.

„Das Programm in der Tagesklinik läuft montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr in angepasster Form weiter“, berichtet Gerring. Bis zu 14 Personen in zwei Gruppen können ein qualifiziertes Entzugsprogramm durchlaufen, das Einzel- und Gruppentherapie, Rückfallprävention, Kunst- und Ergotherapie, Genusstraining und Entspannungstechniken umfasst. Auf Wunsch werden Angehörige in die Therapie mit einbezogen. „Das ist in Pandemiezeiten wichtiger denn je“, erklärt Gerstenmaier. Denn wenn zu den ohnehin schon hohen Belastungen durch Homeschooling oder finanzielle Probleme auch noch eine Suchterkrankung hinzukommt, kann das zu viel Leid führen. „Deshalb schauen wir uns auch immer das soziale Umfeld an und versuchen, gezielt zu unterstützen.“

Damit das Therapieprogramm aufrechterhalten werden kann, wurde in Ambulanz und Tagesklinik schon frühzeitig ein umfassendes Hygienekonzept eingeführt. Bei Aufnahmen und zweimal wöchentlich wird ein Schnelltest durchgeführt, auch das Personal wird regelmäßig getestet. Zudem herrscht in den gesamten Räumlichkeiten Maskenpflicht. „Täglich werden für alle frische FFP2-Masken gestellt, zweimal pro Woche finden Schnelltests bei Patienten und beim Personal statt“ erklärt Gerring. Zudem wurden die Gruppen verkleinert, so dass der Sicherheitsabstand immer gewährleistet werden kann. „Für viele sind wir derzeit die einzige Konstante“, so Gerstenmaier. Das Team der Tagesklinik sieht sich als eine Art Brückenbauer, das die Verbindung in die Gesellschaft aufrechterhält und in Krisenzeiten Hoffnung und Zuversicht vermittelt. Und das im Anschluss an den Aufenthalt auch bei der Weichenstellung für eine mögliche Weiterbehandlung hilft.

i: Die Notfallsprechstunde, die werktäglich von 9.30 bis 10.30 angeboten wird, ermöglicht kurzfristige Hilfe im Krisenfall. Eine Anmeldung ist unter 0731 17588-28 möglich.