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Zurück ins Leben

Dr. Jamil El Kasmi vor der Substitut-Ausgabestelle in der Reutlinger Substitutionsambulanz.

Vor drei Jahren eröffnete die Reutlinger Klinik für Psychiatrie und Psychosomatik (PP.rt) ihre Substitutionsambulanz. Die Nachfrage ist hoch, die Patient*innen kommen aus dem gesamten Landkreis. Oberstes Ziel der Behandlung ist es, opiatabhängigen Menschen ein normales Leben zu ermöglichen.

„Ich war neugierig, wie sich das anfühlt“, erzählt die 56-jährige Beatrix M.. Mit 33 Jahren bekam sie von einem Freund ihr erstes Heroin. „Ich habe das vorher gar nicht gekannt“, sagt sie. 1995 griff Thomas P. das erste Mal zu der Droge. Mit anderen Suchtmitteln hatten beide noch keine Erfahrungen. „Ich habe davor weder Alkohol getrunken noch Zigaretten geraucht“, erinnert sich Thomas P.. „Ich habe es einfach mal ausprobiert. Aus diesem Probieren ist dann eine Abhängigkeit geworden.“ Das Heroin war der Lebensmittelpunkt. Der heute 46-Jährige beklaute seine Eltern, verlor seinen Job und rutschte in die Beschaffungskriminalität.

Die Abhängigkeit von Opiaten und Opioiden ist eine besonders komplexe und schwere Erkrankung. Sie geht oft mit weiteren körperlichen und psychischen Störungen einher. Zudem führt die Fixierung auf die Droge und ihre Beschaffung in vielen Fällen auch zu sozialer Isolation und nicht selten zu Konflikten mit dem Gesetz. Vor drei Jahren eröffnete die Reutlinger Klinik für Psychiatrie und Psychosomatik (PP.rt) ihre Substitutionsambulanz. Die Mitarbeitenden haben es sich seither zur Aufgabe gemacht, die Lebenssituation von Menschen wie Beatrix M. und Thomas P. zu verbessern „und sie auf ihrem Weg zu einem ganz normalen gesunden Leben zu unterstützen“, berichtet Dr. Jamil El Kasmi, Chefarzt der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen der PP.rt.

Ziele der Behandlung

Das Behandlungsziel ist heutzutage nicht immer die unbedingte Abstinenz, ein erfolgreicher Entzug der Droge und eine langfristige Abstinenz ist meist schwierig zu erreichen. El Kasmi erklärt: „Sobald der Entzug abgeschlossen war, waren die Patienten raus aus der Behandlung. Das machte keinen Sinn.“ Dr. Frank Schwärzler, Ärztlicher Direktor der PP.rt, ergänzt: „Nicht für jeden ist die Abstinenz ein erreichbares Ziel. Es wäre fatal, diese Menschen aus dem Blick zu verlieren.“ Die besten Erfolgsaussichten hat die Substitutionsbehandlung. Menschen, die schon länger opiatabhängig sind, erhalten einen Drogenersatzstoff, das sogenannte Substitut.

Nach jahrelangem Konsum sind opiatabhängige Menschen oft in einer schlechten körperlichen Verfassung. Das Spritzen kann zum Beispiel Infektionskrankheiten verursachen. Mit dem Substitut soll den Abhängigen psychische und körperliche Gesundheit ermöglicht werden. Schwärzler erklärt: „Das Substitut ist ein Medikament, das auch Nebenwirkungen hat. Aber es wird in einem medizinischen Kontext so verabreicht, dass es nicht zu Komplikationen kommt.“ Die Nebenwirkungen des Substituts sind zudem sehr viel geringer als die der eigentlichen Droge. Die Ersatzsubstanz verteilt sich gleichmäßiger im Körper. Die Einnahme einmal am Tag reicht deshalb aus. Auch Beschaffungskriminalität werde so verhindert.

Thomas P. ging 2003 in Behandlung, damals zu einem niedergelassenen Arzt. Das vorgegebene Ziel, in wenigen Jahren abstinent zu werden, war für ihn mit sehr viel Druck verbunden. Mittlerweile sei das anders. „Seit der Druck nicht mehr da ist, geht es komischerweise auch mit dem Methadon deutlich runter“, berichtet der 46-Jährige stolz. Auch Beatrix M. profitiert von der Behandlung mit dem Substitut. „Ich bin total labil. Nun habe ich jedoch einen Halt. Und ich weiß, es passiert nichts Schlimmes“, verdeutlicht die Mutter zweier Kinder. Auch müsse sie sich so keine Sorgen machen, in die Beschaffungskriminalität zu rutschen. „Früher hat man nur an die Droge gedacht. Man ist aufgestanden und dachte, wie komme ich an Geld und wie an den Stoff. Mit Methadon ist das nicht mehr so.“

Lücken in Versorgung und Finanzierung

„Es gibt eine Versorgungslücke“, betont El Kasmi. Es gäbe weit mehr Opiatabhängige als diejenigen, die sich in Behandlung befinden. Die Zahl an opiatabhängigen Menschen, die einer Substitutionstherapie bedürfen, steigt in Deutschland Jahr für Jahr. Gleichzeitig sinkt die Anzahl an substituierenden Ärzt*innen im Land. Auch wenn die strengen gesetzlichen Rahmenbedingungen mittlerweile verringert wurden, ziehen viele hausärztliche Praxen ein Substitutionsangebot nicht in Erwägung. In Baden-Württemberg werden zurzeit etwa 10.500 Patient*innen von etwa 350 Ärzt*innen behandelt. In den letzten fünf Jahren sind im Landkreis Reutlingen vier Ärzt*innen aus der Substitutionsbehandlung ausgeschieden. Schwärzler kommentiert: „Seit vielen Jahren hat sich abgezeichnet, dass in Baden-Württemberg die Substitution durch die niedergelassenen Kollegen nicht mehr in der Form geleistet werden kann, wie es eigentlich nötig ist: wohnortnah für die Patenten.“ Die Landesregierung sei daraufhin auf die psychiatrischen Kliniken zugegangen. Die im Frühjahr 2018 eröffnete Substitutionsambulanz der PP.rt ist seither für den gesamten Landkreis Reutlingen zuständig und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Versorgungslücke nicht größer werden zu lassen. Unterstützt wird sie von einem Facharzt des ZfP Südwürttemberg am Standort Zwiefalten.

Eine weitere Herausforderung ist die Finanzierung. Schwärzler erklärt: „Psychiatrische Kliniken rechnen direkt mit den Krankenkassen ab.“ Die Substitutionsambulanz könne wie eine niedergelassene Praxis nur bestimmte erbrachte Leistungen abrechnen. El Kasmi verdeutlicht das Problem: „Das, was wir abrechnen können, deckt bei weitem nicht das ab, was wir an Personal und Sachkosten einbringen. Wirtschaftlich wäre es nur, wenn jeder Patient täglich zu uns kommt, aber das widerspricht dem Therapieziel.“ Das finanzielle Konstrukt wurde ursprünglich mit dem Hintergrund entwickelt, dass Hausärzte die Substitution neben ihren anderen Aufgaben anbieten. Unsere Ambulanz ist aber ausschließlich für die Substitutionsbehandlung da. Da ist eine Lücke im System“, so Schwärzler.

Neu geboren

Seit 2018 wurden in der Substitutionsambulanz der PP.rt rund 150 Abhängige behandelt. Momentan sind dort zwei Ärztinnen, drei Ärzte und mehrere medizinische Fachangestellte eingesetzt. Die Ambulanz hat 365 Tage im Jahr jeden Vormittag geöffnet. Manche Patienten kommen täglich zur Einnahme des Medikamentes, andere einmal in der Woche, um das sogenannte Take-Home-Rezept abzuholen. Zusätzlich zu der reinen Medikamentenvergabe spielt die psychosoziale Beratung eine wichtige Rolle. Neben der körperlichen und psychischen Gesundheit geht es in solchen Gesprächen um soziale Fragen: Finanzielle Probleme, berufliche Schwierigkeiten, Arbeitslosigkeit oder auch die Wohnsituation werden thematisiert.

El Kasmi berichtet: „Psychiatrische Kliniken haben den Vorteil, dass sie das suchtmedizinische und psychiatrische Know-How mitbringen, das viele Patienten benötigen.“ Durch die enge Anbindung an die PP.rt, insbesondere an die psychiatrische Institutsambulanz der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen sowie durch die gute Zusammenarbeit unter einem Dach mit der psychosozialen Drogenberatungsstelle des Baden-Württembergischen Landesverbandes für Prävention und Rehabilitation (BWLV), ist eine optimale Substitutionstherapie gewährleistet.

Beatrix M. und Thomas K. waren anfangs beide zur Behandlung bei einem Hausarzt und wechselten dann zur Substitutionsambulanz. „Die Vorteile der Ambulanz sind in erster Linie das Fachpersonal. Es wird einem auch mehr Verständnis entgegengebracht. Und die Drogenberatung ist vor Ort“, findet Thomas K.. „Man wird nicht abgestempelt. Es ist menschlicher“, ergänzt Beatrix M.. Beide sind froh, dass sie durch die Substitutionsbehandlung wieder ein ganz normales Leben führen können. „Ich hatte alles verloren: Jetzt bin ich wieder in die Familie integriert, bin im Verein aktiv und habe einen Job. 2003 bin ich quasi neu geboren worden.“

Die Substitutionsambulanz der PP.rt befindet sich in der Albstraße 70/1 in Reutlingen. Die Kontaktaufnahme ist unter 07121 920790 möglich.