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„Der Wert eines Menschen ist nicht diskutabel!“

Die Ausstellung stößt bei den Besuchern auf Interesse und Bestürzung. Sie soll zum Nachdenken anregen: Was hat das alles mit mir zu tun?

Die Kooperationsausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ ist seit Anfang April im Kloster Schussenried zu sehen. Kooperationspartner sind das ZfP Südwürttemberg und die Staatlichen Schlösser und Gärten Baden- Württemberg, die gemeinsam an die Geschichte der Psychiatrie im Nationalsozialismus, auch im Kloster Schussenried, erinnern. Mit der Ausstellung, die im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) konzipiert wurde, soll vor allem der Opfer der „Euthanasiemorde“ im Nationalsozialismus gedacht werden.

„Das Kloster Schussenried ist ein authentischer Ort mit allen Facetten der Vergangenheit – dazu gehört auch die Geschichte des Nationalsozialismus“, begrüßte Michael Hörrmann, Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, die Besucher der Vernissage am vergangenen Freitag. Und Dr. Dieter Grupp, Geschäftsführer des ZfP Südwürttemberg, ergänzte: „Das ZfP Südwürttemberg fördert die Erinnerungskultur. Und die aktuelle Entwicklung in Europa zeigt, dass dies dringend nötig ist.“ Grupp erinnerte an die Gräueltaten, denen psychisch kranke und behinderte Menschen ausgesetzt waren: Sie wurden zwangssterilisert, als medizinische Forschungsobjekte missbraucht oder ermordert.

Der Schirmherr der Ausstellung, Manfred Lucha, MdL, Minister für Soziales und Integration Baden-Württemberg, kam mit einem Grußwort aus der Ferne zu Wort, in dem er die „historische Verpflichtung gegen das Vergessen“ betonte. Achim Deinet, Bürgermeister von Bad Schussenried, stellte den Bezug zur Gegenwart her: „Man kann aus der Geschichte nur lernen, wenn man die Taten der Vergangenheit reflektiert.“

Warum man Geschichtsforschung innerhalb des medizinischen Felds der Psychiatrie betreiben muss, machte Prof. Dr. Thomas Müller, Leiter des Forschungsbereichs Geschichte der Medizin am ZfP Südwürttemberg, deutlich: „Man muss die Geschichte der Opfer aufarbeiten, damit sich die Morde an Schutzbefohlenen niemals wiederholen.“ Am Umgang mit kranken und behinderten Menschen zeige sich die Kompetenz einer zivilisierten Gesellschaft, so Müller. Zahlreiche Forschungsprojekte, internationaler Wissenstransfer, Kunstprojekte sowie Kooperationen mit externen Partnern und regionalen Schulen zeugten davon, dass sich das ZfP Südwürttemberg seiner Vergangenheit stelle.

Prof. Dr. Frank Schneider, ehemaliger Präsident der DGPPN und Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Uniklinik Aachen, führte in die Ausstellung ein: „Die Akteure der Verbrechen sollen fassbar sein, vor allem aber müssen die Einzelschicksale der Opfer gewürdigt werden.“ So solle auch das eigene Handeln in Gegenwart und Zukunft reflektiert werden, wie es beispielsweise die aktuelle Diskussion um Sterbehilfe oder Pränataldiagnostik erfordere. In Bad Schussenried fand die 28. Eröffnung der Ausstellung statt, und sie soll die bisherigen 300.000 und alle weiteren Besucher zum Nachdenken anregen indem sie sich fragen: Was hat das Alles mit mir zu tun? Denn eines stehe fest, so Schneider: „Der Wert eines Menschen ist nicht diskutabel!“