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Aufsuchende Psychiatrie

Prof. Dr. Gerhard Längle, Leitender Ärztlicher Direktor und im ZfP Südwürttemberg verantwortlich für die Einführung von StäB, referierte über die bundesweiten Verhandlungen, Rahmenbedingungen und Grundlagen des neuen Versorgungskonzepts.

Ab 2018 erlaubt es ein neues Gesetz, psychisch Erkrankte zu Hause zu behandeln. Eine Arbeitsgruppe des ZfP Südwürttemberg beschäftigt sich seit Mai 2016 mit den zentralen Fragestellungen; in Ravensburg und Ehingen wird das neue Versorgungskonzept bereits seit einem Jahr erprobt. Die Ergebnisse und Erfahrungen sowie weiterführende Fragestellungen wurden am Donnerstag bei der 1. Südwestdeutschen StäB-Tagung in Weissenau mit über 350 Fachleuten diskutiert.

Das neue Behandlungskonzept sei revolutionär, so Dr. Dieter Grupp, Geschäftsführer des ZfP Südwürttemberg: Das neue Gesetz zur Weiterentwicklung der Versorgung und der Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen (PsychVVG) ermöglicht es, psychisch kranke Menschen zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung zu versorgen. Diese sogenannte stationsäquivalente Behandlung (StäB) bietet viele Chancen, stellt aber auch neue Anforderungen an das medizinische Personal und an klinische Organisationsabläufe. Um praktische Erfahrungen zu sammeln, erprobte das ZfP Südwürttemberg das neue Behandlungsangebot an den Standorten Ravensburg und Ehingen.

Ab Januar 2018 beginnt das ZfP Südwürttemberg mit der Umsetzung von StäB. Zunächst werden 5 Prozent der vollstationären Behandlungsplätze in StäB-Plätze umgewandelt. Wer zu Hause behandelt werden kann, ist gesetzlich geregelt. Voraussetzung dafür ist, dass eine stationäre Behandlungsnotwendigkeit vorliegt. Es sind also schwer psychisch kranke Menschen, die zu Hause

behandelt werden können. Beispielsweise Menschen, die sich nicht trauen, vor die Tür zu gehen, oder auch alleinerziehende Mütter, für die eine Behandlung in
einem Krankenhaus mit ihrem Kind nicht möglich wäre. Ist das gegeben, müssen weitere Rahmenbedingungen geprüft werden: Bietet die häusliche Umgebung genug Ruhe, sind die Angehörigen oder Mitbewohner einverstanden und vieles mehr. Mindestens einmal täglich erfolgt ein Besuch – das können Ärztinnen sein, Pflegende oder andere des multiprofessionellen Behandlungsteams wie Psychologinnen, Ergotherapeuten oder der Sozialdienst. „Darüber hinaus sind wir 24 Stunden, 7 Tage die Woche für die Erkrankten verantwortlich“, so Prof. Dr. Gerhard Längle, Leitender Ärztliche Direktor des ZfP Südwürttemberg und im ZfP verantwortlich für die Einführung von StäB. Das bedeutet, es muss jederzeit ein Mitarbeitender der behandelnden Klinik erreichbar sein und bei Bedarf auch zum Patienten fahren können – auch nachts und am Wochenende.

„Die neue Behandlungsform fordert ein neues Selbstverständnis von den Patienten und von unseren Mitarbeitenden“, erklärt Hans-Peter Elsässer-Gaißmaier, Leitender Pflegerischer Direktor des ZfP Südwürttemberg. Die Patienten können die Verantwortung für sich selbst nicht an der Krankenhaustür abgeben. Auch für die Mitarbeitenden ergibt sich eine neue Situation: Konnten sie sich bisher schnell in den Teams absprechen, sind sie nun stärker auf sich allein gestellt. Anfängliche Vorbehalte wurden jedoch in den Erprobungsprojekten schnell überwunden, so der Pflegedirektor. Es zeigte sich, wie hilfreich der enge Kontakt zu den Patienten sei und dass die Behandlung zu Hause ganz neue Perspektiven ermögliche – so könnten durch den Einblick in das Leben und das Umfeld des Patienten wichtige Erkenntnisse gewonnen und die Angehörigen besser einbezogen werden.

Im Rahmen der 1. Südwestdeutschen StäB-Tagung, zu der Vertreter anderer Einrichtungen, Vertreter der Kostenträger sowie der Politik aber auch Mitarbeitende und Interessierte aus dem südwestdeutschen Raum eingeladen waren, wurden die bisherigen Erfahrungen berichtet, die Gesetzeslage erläutert und Gestaltungsmöglichkeiten diskutiert. Nach der Einführung durch Geschäftsführer Dr. Dieter Grupp ging Prof. Dr. Gerhard Längle auf die bundesweiten Verhandlungen, die Rahmenbedingungen und weitere Grundlagen ein. Desweiteren stellte er dar, wie eine Einstufung beziehungsweise Zuordnung psychisch Kranker in die verschiedenen Behandlungsangebote erfolgen kann. Dr. Sylvia Claus und René Berton vom Pfalzklinikum Klingenmünster bestätigten die positiven Erfahrungen mit StäB. Claus verwies auf Ergebnisse aus dem englischsprachigen Raum. Dort sind ähnliche Versorgungskonzepte bereits Teil der Routineversorgung. „Neben all den Richtlinien, die festlegen, wer unter welchen Umständen zu Hause behandelt werden kann, muss man auch festlegen, für wen StäB nicht in Frage kommt“, mahnte die Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie Klingenmünster.

In Workshops wurden weitere Themen diskutiert, wie die Umsetzung von StäB auf dem Land oder in der Stadt, betriebswirtschaftliche Fragestellungen, Personalgewinnung und Aufgabenspektrum sowie die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Die Diskussionen verdeutlichten, dass das neue Behandlungskonzept viele Chancen und Vorteile bietet, aber auch einige Herausforderung bereit hält. Um die neu gewonnen Erkenntnisse und Erfahrungen nach der Einführung von StäB ab 2018 auszutauschen, ist bereits die 2. Südwestdeutsche StäB-Tagung am 15. Mai 2018 in Zwiefalten geplant.