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Bei älteren Menschen daheim statt in der Klinik

Das neunköpfige StäB-Team der Alterspsychiatrie in Bad Schussenried rund um Chefärztin Dr. Mirjam Meyer (rechts) bietet eine individuelle Behandlung für Betroffene an.

Ältere psychisch kranke Menschen rund um Bad Schussenried profitieren seit kurzem von einem neuen alterspsychiatrischen Angebot des ZfP Südwürttemberg: Bei der stationsäquivalenten Behandlung (StäB) werden Betroffene in ihrem Zuhause aufgesucht und behandelt.

Rentner*innen, die an einer Depression leiden und ihr Zuhause nicht verlassen möchten oder Demenzkranke, die nicht aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen werden sollen – die stationsäquivalente Behandlung, kurz „StäB“ genannt, bietet eine neue Behandlungsmöglichkeit für ältere, akut psychisch Kranke. Zu Hause behandelt werden Menschen ab 65 Jahren, die wegen ihrer psychischen Erkrankung normalerweise eine stationäre Behandlung bräuchten. Die StäB ist dieser Krankenhausbehandlung gleichwertig, es findet ein intensiver Kontakt mit den Betroffenen statt.

StäB wird seit Anfang 2018 im ZfP Südwürttemberg angeboten, nun gibt es ein spezielles Team der Alterspsychiatrie am Standort Bad Schussenried. „Die Alterspsychiatrie ist ein ganz spezieller Bereich, die Krankheitsbilder erfordern deshalb ein eigenes Team“, erläutert Dr. Mirjam Meyer, Chefärztin der Abteilung Alterspsychiatrie in Bad Schussenried. Als Behandlungsbeispiel nennt die erfahrene Medizinerin Menschen mit einer beginnenden Demenzerkrankung, die zu Hause noch relativ gut zurechtkommen. „Ein stationärer Klinikaufenthalt kann in bestimmten Fällen auch destabilisierend wirken“, weiß die Expertin.

Familienangehörige werden miteinbezogen

Seit September ist das alterspsychiatrische StäB-Team nun im Einsatz und sucht die Erkrankten in ihrem häuslichen Umfeld auf. Der Radius beträgt 20 Minuten Anfahrt rund um Bad Schussenried, den Behandelnden stehen zwei Fiat Panda zur Verfügung. „Die täglichen Besuche dauern mindestens eine Stunde“, erklärt die Abteilungsleiterin. Eine Voraussetzung für die aufsuchende Behandlung ist unter anderem: Es müssen alle Bewohnenden des Haushalts zustimmen – ob Ehepartner*innen, Familienangehörige oder Mitbewohnende der Wohnung oder des Pflegeheims. Familienangehörige können stärker in die Behandlung miteinbezogen werden, da diese im direkten Umfeld der Betroffenen stattfindet. Wie Erkrankte und ihre Angehörigen zu StäB kommen? „Die Einweisung für eine StäB erfolgt meistens durch hausärztliche Praxen oder durch unsere Psychiatrische Institutsambulanz der Alterspsychiatrie“, informiert die Chefärztin. Manche Behandelte werden im Anschluss an einen Klinikaufenthalt mit StäB weiterbehandelt.

Das neunköpfige Behandlungsteam besteht aus Dr. Meyer als ärztliche Leiterin, einer Ergotherapeutin, einer Psychologin und verschiedenen Fachpflegekräften. Das Therapieangebot ist ähnlich wie das auf der Station und beinhaltet beispielsweise unterstützende Gespräche, Psychotherapie, therapeutische Pflege und individuell angepasste Behandlungsmaßnahmen. Einmal wöchentlich findet die chefärztliche Visite statt sowie die Therapiezielplanung im Team, in der über das weitere Vorgehen mit den Behandelten gesprochen wird.

Neue Erfahrungen auch für die Fachkräfte

Das Team kann positiv von den vergangenen Wochen berichten, derzeit werden insgesamt sechs ältere psychisch Erkrankte mit StäB behandelt. „Es ist eine ziemliche Umstellung zur Stationsarbeit, StäB erfordert mehr Eigenverantwortung und Organisation“, lässt Chefärztin Meyer wissen. Auch für die anderen Teammitglieder war vieles neu: Der Kontakt zwischen den Berufsgruppen sei offener und es herrsche ein besseres Miteinander, man müsse vorausschauender arbeiten. Teilweise erstaunt waren die Behandelnden über die Lebensumstände der Betroffenen und stellten fest: „Der Patient gibt sich zu Hause ganz anders als auf der Station.“ Insgesamt sei es aber sehr spannend und bereichernd, so intensive Beziehungen aufzubauen.

Bei der aufsuchenden Arbeit beachten die Behandelnden die geltenden Hygienevorschriften, bei beengten Räumlichkeiten werden Gespräche beispielsweise auch mit Schutzkleidung ausgestattet geführt. Insgesamt stellt die Leiterin einen erhöhten Bedarf an individuellen Behandlungsangeboten fest: „Viele Menschen wären behandlungsbedürftig, wollen aber nicht in eine Klinik“, so Meyer. Das Team erreiche nun mehr Betroffene, die Hilfe benötigen.