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Beziehung als Kern der Pflege

Große Resonanz erfuhr das 2. Pflegesymposium Südwürttemberg zum Thema „Beziehung – der Wirkfaktor der psychiatrischen Pflege“ in Weissenau.

Unter dem Motto „Beziehung - der Wirkfaktor der psychiatrischen Pflege“ stand das 2. Pflegesymposium, zu dem das ZfP Südwürttemberg nach Weissenau geladen hatte. Intensiv befassten sich Referierende und Teilnehmende mit professioneller Beziehungsgestaltung, tauschten Praxiserfahrungen aus und beleuchteten verschiedene Perspektiven.

Er habe „den Saal der Mehrzweckhalle wohl nie so voll erlebt“ staunte Dr. Dieter Grupp, Geschäftsführer des ZfP Südwürttemberg, mit Blick auf die voll besetzte Halle. Knapp 300 Pflegekräfte und Interessierte waren aus dem ZfP Südwürttemberg und anderen Einrichtungen zur Tagung gekommen. Nach dem erfolgreichen Start des Pflegesymposiums 2015, damals zum Thema Partizipation, fand das Symposium nun zum zweiten Mal statt. Neben Vorträgen von drei Referenten erwarteten die Gäste verschiedene Workshops am Nachmittag sowie ein abschließender Trialog. Höhepunkte des Tages bildeten außerdem die Verleihung des BFLK-Landespflegepreises und der Auftritt der ZfP-Theatergruppe companie paradox, so die Ankündigung von Moderatorin und Pflegeexpertin Anna Heinsch am Morgen.

„Der Kern unserer Arbeit ist die Beziehung zum Patienten“, erklärte Dr. Grupp. Diese ebenso professionell wie erfolgreich zu gestalten, gelinge durch gemeinsames Agieren ganzer Teams und aller Berufsgruppen. Auch ZfP-Pflegedirektor Hans-Peter Elsässer-Gaißmaier betonte,  „Beziehung ist das Wesentliche“ — sowohl in der psychiatrischen als auch in der somatischen Pflege. Immer habe Beziehung auch mit Selbsterfahrung, der Balance von Nähe und Distanz sowie Selbstreflektion zu tun, so der Pflegedirektor.

Prof. Michael Schulz, Leiter des Lehrstuhls für Psychiatrische Pflege an der Fachhochschule der Diakonie Bielefeld, stellte in seinem Vortrag Ergebnisse verschiedener internationaler Studien vor. Für ihn kann gute Beziehung „interprofessionell und fachübergreifend“ erreicht werden. Anhand von sechs Thesen zur Beziehungsgestaltung zeigte er auf, was zu einer gelingenden Beziehung beitrage und wodurch diese erschwert und eingeschränkt werde — wie beispielsweise Angst vor emotionaler Nähe oder der Stigmatisierung von Patienten. Als Querdenkerin, die auch kritische Gedanken einbringe, bezeichnete sich Referentin Dr. Elke Prestin. Der Psychiatrieerfahrenen und Linguistin ist es ein Anliegen, den Austausch zwischen Professionellen und Patienten zu fördern. So ist für sie Beziehung „das zentrale Thema in der Psychiatrie“, das nicht zuletzt ein „komplexes Geflecht“ mit sich bringe. Mit Beispielen selbst erlebter Situationen schilderte sie anschaulich, wie unterschiedlich Gespräche aus Patienten– und Behandlersicht interpretiert werden und damit auch zu „Risiken und Nebenwirkungen“ führen können. „Kommunikation auf Augenhöhe und nicht Arbeit am, sondern mit dem Patienten“ forderte die Bielefelderin. Eine heilsame Beziehung sei im Kern offen-erlebend und weniger funktional-steuernd. „Offenheit und Wertschätzung und sich ohne Wertung und Vorurteile aufeinander einlassen“, das, so Dr. Prestin, unterstütze den Genesungsweg von Patienten. Referentin Prof. Maria Mischo-Kelling stellte in ihrem Vortrag die Erfahrungen mit der Entwicklung eines Professionellen Praxismodells am Beispiel des Gesundheitsbezirks Bozens vor. Im Mittelpunkt des Projekts stünden drei Beziehungen: Neben der zwischen Pflegenden und Patienten und Familie, die der Pflegenden zu sich selbst sowie die zu Kolleginnen und Kollegen.

Ausreichend Gelegenheit Diskussionspunkte zu vertiefen hatten die Teilnehmenden in den nachmittäglichen Workshops. In Gruppen beschäftigten sie sich unter anderem mit Themen wie stationsäquivalente Behandlung und systemische Therapie. Zuvor waren Anna Heinsch und Barbara Boßler, beide Pflegeexpertinnen im ZfP Südwürttemberg, als Siegerinnen des BFLK-Landespflegepreises ausgezeichnet worden. Den Abschluss des Tages bildete ein Trialog zwischen den Referierenden Prof. Schulz, Dr. Prestin und Prof. Mischo-Kelling. In diesem kamen neben der Frage nach guter Beziehungsarbeit und wie sich Qualitätsmerkmale messen ließen auch aktuelle Themen zur Sprache. Beispielsweise wie mit kulturellen und sprachlichen Schwierigkeiten beim Beziehungsaufbau umzugehen sei. Für Prof. Mischo-Kelling steht hier im Vordergrund, „Bedeutungen zu lernen, um so Reaktionen deuten zu können“. Dr. Prestin sieht es als Chance, Beziehung wieder auf ihre Kernkompetenzen zu führen — da zu sein und Hoffnung zu vermitteln.