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Historisches Wissen, Erinnerungsarbeit, Bildungsauftrag

Zwei Tage standen für einen intensiven Ideenaustausch zur Verfügung, der die Gedenkorte, Museen, Initiativen und die akademische Forschung zum Thema miteinander verbinden sollte.

Das ZfP Südwürttemberg veranstaltete eine Fachtagung zum Thema „Historisches Wissen und gesellschaftlicher Bildungsauftrag am Beispiel des Nationalsozialismus in Südwürttemberg“.

Wie kann die Erinnerung an die Gräueltaten des Nationalsozialismus nicht nur aufrecht erhalten, sondern auch belebt werden, in einer Zeit, in der Rechtspopulismus in der Politik weltweit wieder salonfähig wird? Welches sind angemessene Konzepte der Vermittlung in Gedenkstätten, Museen, in Programmen einschlägiger Initiativen? In einer Zeit, in der – damit einhergehend - die „gesellschaftliche Ausgrenzung der Schwächsten wieder stärker wird“, wie dies Regionaldirektorin Prof. Dr. Renate Schepker in ihrer Begrüßung, stellvertretend verlesen durch den Veranstalter Prof. Dr. Thomas Müller, formulierte. Und auch Geschäftsführer Dr. Dieter Grupp äußerte sich im Vorfeld, dass die Tagung „genau zum rechten Zeitpunkt“ komme.

Am 24. und 25. Oktober wurden verschiedene Initiativen, Museen, Gedenkstätten, Dokumentationszentren und Forschungseinrichtungen vom Forschungsbereich Geschichte und Ethik der Medizin nach Weissenau eingeladen, um der Frage nachzugehen, wie Erinnerungsarbeit gestaltet werden kann. Ziel war sowohl der Austausch der Institutionen untereinander, als auch ein Brückenschlag zwischen akademischer Forschung einerseits und Einrichtungen mit konkretem gesellschaftlichem Auftrag der Wissensvermittlung andererseits. Um eine konzentrierte und kritische Diskussion zu ermöglichen, fand die intensive Arbeitstagung im engen Kreise der Beteiligten sowie weiterer Multiplikatoren und ohne externes Publikum statt.

Beeindruckend waren hinsichtlich der Bildungsinitiativen, die sich inhaltlich mit dem Nationalsozialismus beschäftigen, auch die kleineren Initiativen: In Bad Buchau gibt es Historische Spaziergänge, die den Teilnehmenden die Geschichte der jüdischen Württemberger nahebringen. Die Ulmer „Stolperstein-Initiative“ hat beeindruckende Biografien von Ulmer Bürgerinnen und Bürgern aus verschiedenen Opfergruppen herausgearbeitet, darunter auch psychisch Kranke. Im Goldbacher Stollen bei Überlingen hingegen wird die Opfergruppe der Zwangsarbeiter in den Fokus genommen. Die sogenannte Euthanasie wird an mehreren Orten inhaltlich adressiert, so in der bereits lange Zeit etablierten Gedenkstätte / Dokumentationszentraum Grafeneck, im Württembergischen Psychiatriemuseum des ZfP sowie durch das Denkmal der grauen Busse am Standort Weissenau des ZfP Südwürttemberg.

Einen Ansatz, die Öffentlichkeit in die Erinnerungsarbeit mit einzubeziehen, zeigt das neue Projekt des ehemaligen Ärztlichen Direktors des ZfP Südwürttemberg in Weissenau, Prof. Dr. Paul-Otto Schmidt-Michel: Für den Landkreis Ravensburg wie auch für den Bodenseekreis wurde jeweils eine Datenbank etabliert, die die Lebensläufe von Opfern der sogenannten Euthanasie darstellt. Die Datenbanken sind angehängt an die jeweiligen Kulturressorts der Landkreise und sind auf einer Homepage einsehbar. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass sich Angehörige melden, mit deren Hilfe die entstehenden Biografien erweitert und ergänzt werden können. Damit soll erreicht werden, dass die Lebensläufe sich nicht ausschließlich aus der Auswertung häufig stigmatisierender zeitgenössischer Krankenakten speisen  und damit die betroffenen Menschen nicht erneut auf ihre Krankheit reduziert werden.

Dr. Nicola Wenge vom NS-Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg e.V. aus Ulm stellte dar, wie die Gedenkstätte versucht, Schüler und Schülerinnen nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch eine Reflektion der Geschichte vor dem Spiegel der Gegenwart zu ermöglichen. Daher wurde ein dreijähriges Projekt gestartet, das die heutige Alltagssprache unter die Lupe nimmt und Parallelen zum Jargon der NS-Zeit aufzeigt. „Man muss die Vergangenheit mit der Gegenwart der Jugendlichen verknüpfen, sonst ist es schwer möglich, sie für diese Zeit zu sensibilisieren“, weiß Wenge. Das Referat von Heike Engelhardt zur Arbeit der ZfP-internen „AG Gedenktag“, auch der Zwiefalter Klinikspaziergang, ließen sich hier besonders leicht anknüpfen.

Neue Wege geht auch die Gedenkstätte Grafeneck, in der 10.654 Opfer der sogenannten „Aktion T4“ ermordet wurden. Franka Rößner beschrieb die Herausforderung der Wissensvermittlung für Besuchende mit Lernbehinderung oder geistiger Behinderung. Sie machen mittlerweile zehn Prozent der Gesamtbesucherzahl aus, sind aber oft ohne Vorwissen, da der Lehrplan der Förderschulen die Zeit des Nationalsozialismus über viele Jahrzehnte hinweg ausklammerte. Die Vermittlung fordert eigene Herangehensweisen: „Das Verständnis von Zeit ist ein völlig anderes. Vergangenheit auf einem Zeitstrahl darzustellen, funktioniert nicht“, erklärte Rößner. Die Gedenkstätte entwickelte so in Zusammenarbeit mit Sonderpädagogen passende didaktische Strategien, um dem Interesse der Besuchergruppe gerecht zu werden.

Dies sind nur einige der Beispiele für Wege, welche die verschiedenen Institutionen bei ihrer Erinnerungsarbeit gehen. Zwei Tage standen für einen intensiven Ideenaustausch zur Verfügung, der die Gedenkorte, Museen, Initiativen und die akademische Forschung zum Thema miteinander verbinden sollte. Drei auswärtige Referentinnen und Referenten brachten externe Perspektiven zur Beurteilung der regionalen Situation mit ein und konnten je verschiedene, eigene Expertise aufweisen. Neue Kontakte entstanden, bestehende Netzwerke wurden ausgebaut, intensiverer Austausch beschlossen. Auch konnten die Teilnehmenden Impulse zur Weiterentwicklung der jeweils eigenen Bildungseinrichtung mitnehmen, um Lernorte weiter zu entwickeln, die nicht allein ein würdevolles Gedenken an die Opfer im Gedächtnis der Öffentlichkeit bewahren, sondern geeignet sein wollen, sich aktueller gesellschaftlicher Debatten und damit einhergehenden Herausforderungen zu stellen. Eine nachfolgende Tagung im kommenden Jahr ist seitens des Teams der Historischen Forschung (Dr. Uta Kanis-Seyfried, Dr. Bernd Reichelt, Prof. Dr. Thomas Müller) in Zusammenarbeit mit der Initiative des Denkstätten-Kuratoriums NS-Dokumentation Oberschwaben (Leitung: Uwe Hertrampf) in Weingarten geplant. Das geeignete Format einer Publikation zu den Inhalten der Tagung wird nun diskutiert; eine weite Verbreitung ist hierbei besonders bedeutsam.