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Vom Schicksal des Einzelnen

Das Schicksal von Kindern stand bei der diesjährigen Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus des ZfP Südwürttemberg und der Gemeinde Zwiefalten im Mittelpunkt. Regionalkoordinator Prof. Dr. Gerhard Längle und Dr. Bernd Reichelt, Geschichte der Medizin, appellierten an die rund 260 Gäste, das Schicksal des Einzelnen hinter statistischen und geschichtlichen Zahlen zu sehen. Die Schülerinnen und Schüler der Münsterschule widmeten sich in ihrem Beitrag dem Film „Nebel im August“ und damit der Geschichte des 13-jährigen Ernst Lossa.

Das Interesse an der Gedenkfeier in Zwiefalten war hoch. Bis zu Beginn bestuhlten die Organisatoren den Festsaal im Konventbau nach, bis kein freier Platz mehr war. Der Film „Nebel im August“, auf den sich die Gedenkfeier teilweise bezog, war bereits am Samstag zuvor im Festsaal der Öffentlichkeit gezeigt worden.

Prof. Dr. Gerhard Längle, Leitender Ärztlicher Direktor und stellv. Geschäftsführer des ZfP Südwürttemberg, ging in seiner Rede auf politische Ereignisse ein, unter anderem auf die aktuelle Diskussion zum Thema Familiennachzug bei Flüchtlingen. Längle machte darauf aufmerksam, dass durch Zahlen viele Missstände und Emotionen versachlicht werden. „Wir identifizieren uns nicht mit 10.000 Menschen, denen etwas Schlimmes widerfahren ist, denn es ist eine Zahl. Wirklich berühren lassen wir uns von dem Schicksal eines Einzelnen.“ Längle rief dazu auf, die Menschen hinter den Zahlen zu sehen.

Dr. Bernd Reichelt vom Forschungsbereich Geschichte der Medizin erzählte die Geschichte von Reinhold Stempfle aus Stuttgart, dessen Großcousine an der Gedenkfeier teilnahm. Der siebenjährige Junge war 1942 aufgrund seiner geistigen und körperlichen Behinderung vom Jugendamt in die damalige Heil- und Pflegeanstalt Zwiefalten eingewiesen worden. Er konnte nicht sprechen, kaum gehen und benötigte Hilfe beim Essen, Trinken und der Körperpflege. Er bekam jedoch kaum Unterstützung, sodass er nur fünf Monate später schließlich völlig abgemagert sterben musste. Reichelt verdeutlichte das Thema mit folgender Aussage: „Oftmals benötigte es nicht viel, um Menschen sterben zu lassen. Viele Menschen starben nicht, sie wurden gestorben“.

Die Schülerinnen und Schüler der Klasse R10 der Münsterschule Zwiefalten nahmen den Film „Nebel im August“ zum Anlass ihres Beitrages. Das Drama beruht auf einer wahren Begebenheit und erzählt eindringlich die Geschichte des Jungen Ernst Lossa, der 1942 wegen angeblicher Unerziehbarkeit in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee eingewiesen worden war. Mit Gift im Trinken und Essen wurden die jungen Patientinnen und Patienten getötet. Die Schülerinnen und Schüler der Münsterschule beschrieben den Gästen ausgewählte Filmszenen, bewerteten das Verhalten verschiedener Personen und ordneten diesem Verhalten jeweils einen Begriff zu. Die positiven Begriffe, wie Nächstenliebe oder Hoffnung, standen auf bunten Tellern, negative Begriffe wie Skrupellosigkeit oder Menschenverachtung, auf grauen. Zum Schluss packten die Schüler die grauen Teller in einer Kiste. Die Anwesenheit der grauen Teller soll bewusst, die Kiste jedoch immer verschlossen bleiben. Die bunten Teller stellten sie in ein Regal, sodass diese immer wieder verwendet werden können. Eine Schülerin sagte abschließend: „In den Regalen der Gesellschaft sollten immer mehr bunte als graue Teller stehen.“

Musikalisch umrahmt wurde die stille Feier durch das Trio Feuervogel. Mit den Titeln „Die Kinder von Izieu“ von Reinhard May und „Jedes Kind braucht einen Engel“ von Klaus Hoffmann wurde die Gedenkveranstaltung würdevoll begleitet.
Nach dem letzten musikalischen Beitrag der Gruppe Feuervogel begaben sich die Gäste gemeinsam auf den Weg zum ehemaligen Anstaltsfriedhof.

Bürgermeister Matthias Henne bezog sich in seiner Ansprache ebenfalls auf den Film „Nebel im August“. Henne erläuterte, dass damals Menschen die ihre eigene Meinung vertraten, ihre eigene Persönlichkeit hatten, ihren eigenen Glauben lebten oder einfach anders waren und somit nicht ins nationalsozialistische Bild einer Gesellschaft passten, getötet wurden. Er brachte sein Unverständnis für diese Taten zum Ausdruck: „Die Natur ist nicht perfekt, aber genau das macht sie so besonders.“  Bei strahlendem Sonnenschein appellierte er eindringlich: „Wir sind die Gesellschaft und wir können sie formen. Es liegt also in unseren Händen.“

Pastoralreferentin Hildegard Jakob knüpfte ihre Andacht an das Schülerprojekt an: „Jeder Mensch bestückt sein Regal des Lebens mit einer ganz persönlichen Auswahl von Tellern.“ Bunte Teller sollen in jedem Regal zu finden sein. Am Ende der Veranstaltung legten zwei Schülerinnen der Schule für Gesundheits- und Krankenpflege ein Kranz am Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus nieder.