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„Was soll man tun, wenn die Dämonen überspringen“

Sie werden an Ketten gefesselt oder in dunklen Verschlägen weggesperrt – die sogenannten Kettenmenschen. Nach wie vor herrscht in Westafrika, vor allem auf dem Lande, die Vorstellung, psychisch kranke Menschen seien von Dämonen befallen. Ein gemeinsames Projekt des Freundeskreises St. Camille mit dem Psychiatriemuseum MuSeele in Göppingen soll aufklären und unterstützt mit Erfahrungen und medizinischer Versorgung. Die Ausstellung im Verwaltungsbau des ZfP Südwürttemberg in Zwiefalten schildert Einzelschicksale in persönlichen Berichten und großformatige Porträts. Diese wurde nun mit einer Vernissage eröffnet.

Im voll besetzten Casino des ZfP Südwürttemberg in Zwiefalten gab PD Dr. Thomas Müller, Leiter des Bereichs Bildung und Wissen beim ZfP, einen ersten Überblick zur Wechselausstellung. „Kettenmenschen. Vom Umgang mit psychisch Kranken in Westafrika“ ist ein gemeinsames Projekt des Freundeskreises St. Camille mit dem Psychiatriemuseum MuSeele in Göppingen. Auch Mitarbeitende des ZfP engagieren sich in der Initiative und berichteten bei der Vernissage von ihren Aufenthalten in Westafrika. Das Württembergische Psychiatriemuseum zeigt die Ausstellung im Verwaltungsbau bis Ende Juli. Nach Zwiefalten ist diese noch in weiteren Städten zu sehen, unter anderem in Berlin. Der Leiter der Bibliothek in Zwiefalten, Dr. Bernd Reichelt, zeichnete sich für die Vorplanung der Ausstellung verantwortlich und bahnte die Kooperation mit dem MuSeele an. Reichelt bedankte sich in seiner Rede bei allen Beteiligten. Die Gruppe „Feuervogel“ komponierte eigens für die Vernissage stimmungsvolle Lieder und sorgte mit nachdenklichen Texten für betroffenes Schweigen und begeisterten Applaus.

Dr. med. Frank Schwärzler, Ärztlicher Direktor der PP.rt, sprach das offizielle Grußwort. Schwärzler betonte die besondere Verbindung zu dem Projekt, welches zunächst fremd erscheine. So entstand vor 200 Jahren die erste Heilanstalt für psychisch kranke Menschen in Zwiefalten. Auch die Anfänge in der psychiatrischen Behandlung vor Ort seien den Menschen nicht immer angemessen gewesen. Das Thema Ausgrenzung spiele in der Behandlung von psychisch kranken Menschen nach wie vor eine Rolle. Schwärzler kommentierte: „Die Kettenmenschen sind auf einmal ganz nah“. Das gemeinsame Projekt der Stadt Reutlingen, des ZfP Südwürttemberg und der PP.rt beschrieb Schwärzler als lebendig. Er hoffe, dass die Ausstellung die Menschen anregt: „Wie kann man das Land, die Männer und Frauen dort unterstützen?“.

Der Vorsitzende des MuSeele in Göppingen, Rolf Brüggemann, freue sich über das gemeinsame Projekt. Er stellte den Verein St. Camille e.V. vor, der sich für seelisch kranke Menschen einsetzt. Die Museen trügen zu der Öffentlichkeitsarbeit bei – mit ebensolchen Ausstellungen und Veranstaltungen werden in erster Linie Informationen gegeben und dadurch auch Druck zum Handeln erzeugt. „Wir wollen Transparenz schaffen“, betonte Brüggemann. Diese sei wichtig, um notwendige Änderungen aufzudecken. Der Verein habe dazu viel geleistet - auch in der Entwicklungshilfe und Fluchtvorsorge.

„Was soll man tun, wenn man nichts zur Verfügung hat, wenn einen jemand angreift, weil er Stimmen hört und wenn die Dämonen bei Berührung auf einen überspringen würden?“, fragte Dr. Theresia Alt, Fachärztin am ZfP, die sich seit Jahren für die Erkrankten in der westafrikanischen Nation engagiert. Die Menschen dort wüssten oft keine andere Möglichkeit mit den psychisch Kranken umzugehen, als sie wegzusperren oder anzuketten. Auch in der Psychiatrie in Mitteleuropa habe es 200 Jahre gedauert, um den heutigen Standard zu erreichen. Moderne Medikamente hätten den eigentlichen Unterschied gebracht. Diese seien oft notwendig, um ein „in Kontakt kommen“, eine psychotherapeutische Arbeit zu ermöglichen. Ein solcher Standard brauche Zeit und Informationen – auch damit sich die Menschen in Westafrika für neue Möglichkeiten im Umgang mit psychisch Kranken öffnen.

Dr. Theresia Alt berichtete von einen, der wenigen Menschen, der sich traut, den psychisch Kranken zu helfen. Gregoire Ahongbonon, früherer Taxifahrer und überzeugter Katholik. Ahongbonon ist zu den Angeketteten hingefahren, zunächst um Aufklärungsarbeit zu leisten – mit den Menschen in den Dörfern, aber auch mit den Betroffenen selbst zu reden. In Bouaké entstand dann die Einrichtung, zu der Ahongbonon die Kettenmenschen mitnahm. Ein Ort, an dem die Patienten selbst für die Struktur zuständig sind – sie kümmern sich um sämtliche Aufgaben und die Versorgung, von Medikamente richten bis hin zur Feldarbeit. Alt kommentierte „Es ist ein Anfang!“. Der Freundeskreis St. Camille unterstützt die Einrichtung in Bouaké seit 2004. Der Verein liefert mittlerweile 2/3 der Medikamente. Zudem finanziert er notwendige Renovierungsarbeiten.

Auch Mitarbeitende des ZfP reisten nach Bouaké. Deborah Zwick und Barbara Boßler berichteten bei der Vernissage von ihren Erfahrungen von der Elfenbeinküste. Mit Bildmaterial aus dieser Zeit, verschafften sie den Gästen einen lebendigen Eindruck ihrer Reisen. Bei der Einrichtung in Bouaké gehe es nicht nur um psychiatrische Probleme. Die Organisation sei, zum Beispiel bei einem für uns alltäglichen operativen Eingriff, ein riesiger Aufwand und müsse mehrere Tage geplant werden. Zwick und Boßler erzählten auch von den Menschen, die sie in Bouaké kennengelernt haben. Viele von Ihnen sind auch in der Ausstellung zu finden. Beide hoffen 2017 wieder hingehen zu können. Besonders eines habe bei ihnen Eindruck hinterlassen: „Die Menschen sind unheimlich dankbar, dass sich jemand für sie interessiert – sie haben sich so gefreut.“

Ausstellung: Kettenmenschen. Vom Umgang mit psychisch Kranken in Westafrika
Ort: Verwaltungsbau des ZfP Südwürttemberg in Zwiefalten
Ausstellungsdauer: 16. März – 31. Juli 2016, Montag bis Sonntag, täglich von 10 bis 18 Uhr