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Weissenauer Arbeitsgruppe erhält Auszeichnung für Erinnerungskultur

Die Preisträger (von links): Publizist Wolfgang Proske, Heike Engelhardt, Eva Maria Kraiss aus Schwäbisch Hall und Harald Stingele vom Lern- und Gedenkort Hotel Silber.

RAVENSBURG / STUTTGART – Mit dem Rahel-Straus-Preis des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ ist die Arbeitsgruppe Gedenktag des Zentrums für Psychiatrie in Weissenau ausgezeichnet worden. Die Jury würdigte das besondere und nachhaltige Engagement des ZfP, Jugendliche aktiv an der Gedenkarbeit zu beteiligen.

„In Gedenken an die Opfer von Halle“ vergab Staatssekretärin Petra Olschowski vom Wissenschaftsministerium gemeinsam mit Birgit Kipfer die Auszeichnung an vier Preisträgerinnen und Preisträger. „Sie haben sich schon lange aufgemacht, um ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen“, sagte Kipfer als Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft von „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ im vollbesetzten Saal des Lernortes Hotel Silber, einst Gestapo-Zentrale in Stuttgart.

Im Gespräch mit Sibylle Thelen, der Leiterin der Abteilung Gedenkstätten der Landeszentrale für politische Bildung, stellte Heike Engelhardt für die Weissenauer Arbeitsgruppe die Schülerveranstaltungen vor. „Wir haben ein eigenes Format entwickelt, mit dem wir nicht die üblichen Berufsgedenkenden erreichen wollten, sondern ganz gezielt Jugendliche ansprechen“, erläuterte Heike Engelhardt den pädagogischen Ansatz. Seit 2004 haben sich rund 3000 Ravensburger Schülerinnen und Schüler am historischen Lernort im Weissenauer Hörsaal mit der so genannten „Euthanasie-Aktion“ auseinandergesetzt und über Ausgrenzung von Minderheiten diskutiert. Nachhaltig wirkt die ZfP-Arbeitsgruppe damit, dass sie Schulklassen direkt an Gedenkveranstaltungen beteiligt, indem sie beispielswiese die Biografie einzelner Opfer erforschen und präsentieren. Nicht zuletzt hat sie das Weissenauer Denkmal der Grauen Busse initiiert. Ein Bus steht unverrückbar in der alten Pforte des Psychiatriezentrums. Der zweite, mobile Bus reist an verschiedene Orte im Bundesgebiet und war auch schon in Polen aufgestellt. Im nächsten Jahr wird er seinen 20. Platz finden in Erfurt. Das Denkmal ist heute national und über die Grenzen der Republik hinaus bekanntes Symbol für die Morde an psychisch Kranken und geistig Behinderten.

Der Rahel-Straus-Preis wurde heuer zum ersten Mal vergeben. Birgit Kipfer, Sprecherin der Landesarbeitsgruppe von „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, bezeichnete die Namensgeberin als „mutige, fortschrittliche und gesellschaftlich engagierte“ Frau. Sie war die erste Frau, die in Deutschland Medizin studierte und promovierte. Die Tochter einer jüdischen Rabbinerfamilie ließ sich in München als Mutter von fünf Kindern mit eigener gynäkologischer Praxis nieder, sprach sich in ihrer Abiturrede eindringlich für gleichberechtigte Bildung für Mädchen aus, kämpfte für die Abschaffung des Paragrafen 218 und engagierte sich in der Münchner Räterepublik. Neben der Weissenauer Arbeitsgruppe wurden die frühere Lehrerin Eva Maria Kraiss aus Schwäbisch Hall, der Herausgeber der Buchreihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ Dr. Wolfgang Proske und Harald Stingele vom Lernort Hotel Silber in Stuttgart ausgezeichnet.