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Wie geht Psychiatrie mit Veränderungen um?

Prof. Dr. Peter Brieger, Dr. Raoul Borbé, Prof. Dr. Gerhard Längle, PD Dr. Holger Hoffmann und Rainer Kluza bei der Podiumsdiskussion.

Wir erleben eine Zeit der raschen und tiefgreifenden Veränderungen in den sozialen, wirtschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen – und zugleich ändern sich Stimmung und Grundhaltung großer Bevölkerungsgruppen. Wie kann also sozialpsychiatrisches Handeln in sich verändernden Rahmenbedingungen gestaltet werden? Mit dieser Frage setzten sich die Teilnehmenden bei der 29. Psychiatrischen Ethiktagung auseinander, bei der ausgewiesene Experten aus dem Bundesgebiet und der Schweiz zu Wort kamen. Das ZfP Südwürttemberg und die PP.rt Reutlingen hatten am 10. Oktober, dem Welttag für seelische Gesundheit, zu der Tagung nach Reutlingen eingeladen.

Prof. Dr. Gerhard Längle, Geschäftsführer der PP.rt und GP.rt in Reutlingen und Regionaldirektor Alb-Neckar des ZfP Südwürttemberg, begrüßte die Tagungsteilnehmenden im neuen Tagesklinik- und Ambulanzzentrum an der Echaz (EchTAZ). „Es ist wichtig, dass wir uns informieren und uns einmischen“, sagte Längle im Hinblick auf aktuelle gesellschaftliche wie politische Entwicklungen. Diese würden auch die Arbeit bei der Behandlung und Betreuung von psychisch kranken Menschen beeinflussen, meinte der PP.rt-Geschäftsführer und leitete zum diesjährigen Thema der traditionellen Tagung über. Etwa 150 Personen nahmen teil, darunter Interessierte, Fachleute sowie Interessensverbände.

Dr. Frank Schwärzler, Ärztlicher Direktor der PP.rt, kündigte die einzelnen Referenten an: Prof. Dr. Nils Goldschmidt, Vorstandsvorsitzender der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft Tübingen, sprach über das Thema „Soziale Inklusion und Marktwirtschaft“. Im Sinne Ludwig Erhards müsse der "Markt" durch klare Regeln gebändigt werden, müsse dem Menschen dienen, so der Wirtschaftswissenschaftler. Dies gelte grundsätzlich, sei aber auch im Kontext sozialer Dienstleistungen wieder stärker zu beachten. „Damit ein Mensch ein glückliches Leben führt, ist die soziale Einbettung, die Inklusion entscheidend“, betonte Goldschmidt. Soziale Dienstleistungen wie psychiatrische Hilfeangebote ermöglichten psychisch kranken Menschen, ein Teil der Gesellschaft zu sein oder zu werden.

Rainer Hölzke, Diplom-Psychologe und Vorstandsmitglied der Hamburger Wohnungsgenossenschaft Schlüsselbund eG, referierte über die Wohnungssituation von psychisch Kranken. Mit dem Hintergrund der UN-Behindertenrechtskonvention erklärte er: „Eine selbstgewählte, eigene Wohnung schafft Sicherheit und Lebensqualität. Die Wohnbedürfnisse von Menschen mit Behinderung unterscheiden sich in der Regel nicht von denen von psychisch Gesunden.“ Hölzke plädierte für den personenzentrierten Ansatz: Die zu unterstützende Person steht mit ihren Bedürfnissen im Mittelpunkt und wird bei der Wohnungssuche unterstützt. „Man braucht mehr Wohnraum, in dem auch psychisch kranke Menschen wohnen können“, sprach der Genossenschaftsgründer den aktuellen Mangel an Sozialwohnungen an und lieferte beispielhafte Lösungsansätze aus Hamburg.

PD Dr. Holger Hoffmann, Chefarzt und stellvertretender Direktor des Zentrum für Psychiatrische Rehabilitation, Universitäre Psychiatrische Dienste Bern, kam auf die Wiedereingliederung von psychisch Kranken ins Arbeitsleben und auf den ersten Arbeitsmarkt zu sprechen. Der Chefarzt aus der Schweiz kritisierte in Deutschland die Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation als zu spät greifend, zu teuer und zeitlich befristet. Das moderne Konzept der Arbeitsintegration „Supported Employment“ sei nachhaltiger: „Nach dem Prinzip „first place – then train“ suchen sich die psychisch Kranken erst einen Arbeitsplatz und werden dann dort von einem Jobcoach begleitet. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit auf eine langfristige Festanstellung.“ Die Effizienz des schweizerischen Modells sei höher, zeitlich unbefristet, risikofreier und schaffe somit Anreize für Arbeitgeber.

Dr. Raoul Borbé vom ZfP Südwürttemberg beantwortete die Frage: „Wie willkommen sind Menschen mit psychischen Störungen in der Bevölkerung?“ Der Chefarzt der Abteilung Allgemeine Psychiatrie und Leiter des Regionalen Geschäftsbereichs Arbeit und Wohnen in Weissenau berichtete über die jahrelange Ausgrenzung von psychisch Kranken, der „Angst vor Andersartigem“ und der historischen Meilensteine in der Teilhabe an der Gesellschaft. „Bei all den Fortschritten werden psychisch Kranke immer noch sozial exkludiert, aus der Gesellschaft ausgeschlossen“, verdeutlichte der Chefarzt. Besonders gegenüber von Schizophrenie-Betroffenen habe die Stigmatisierung zugenommen, bei Alkoholabhängigkeit und Depressionen wachse die gesellschaftliche Akzeptanz.

Über juristische Entwicklungen und Gesetzesänderungen, die psychisch Kranke betreffen, zeigte sich Prof. Dr. Peter Brieger besorgt und zugleich hoffnungsvoll. Der Ärztliche Direktor des kbo-Isar-Amper-Klinikum in Haar bei München sprach das geplante Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz (KHG) in Bayern an sowie das Polizeiaufgabengesetz. „Das sind absurde und gefährliche Entwicklungen“, bewertete Brieger die geplante Unterbringungsdatei für psychisch Kranke sowie die „unbefristete Präventivhaft für Gefährder“. Positiv zu sehen sei jedoch die Errichtung eines 24h-Krisendienstes in Bayern sowie auf Bundesebene das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zum Thema Fixierungen. Hierzu berichtete Brieger von großem medialen Interesse wie Petitionen und positiver Berichterstattung. „Die Psychiatrie ist in den Medien und der Gesellschaft angekommen, diese Entwicklung können wir nutzen.“

Dr. Hubertus Friederich, Ärztlicher Direktor des ZfP Südwürttemberg in Zwiefalten, moderierte die abschließende Podiumsdiskussion. Die Referenten diskutierten mit Rainer Kluza, Geschäftsführer PP.rt und GP.rt Reutlingen, über die vorherigen angesprochenen Themen. Die Experten auf dem Podium stellten sich schließlich auch den Fragen aus dem Publikum. Vor allem die neuen Konzepte in den Bereichen Arbeit und Wohnen stießen auf großes Interesse. Interessensverbände wünschten sich eine bessere Aufklärungsarbeit bezüglich psychischer Erkrankungen und eine größere Akzeptanz von Betroffenen in der Gesellschaft.