Verschiedene Zeitschriften und Flyer liegen auf einer Bank.

Presse-
mitteilungen /

Pressemitteilungen /

Die Erinnerung weitertragen /

An einem Gedenkstein auf einer Wiese stehen rechts und links verschiedene Personen. An dem Stein liegt ein Gedenkkranz. Im Hintergrund sind Bäume.

Gedachten der Opfer des Nationalsozialismus im Namen der Gemeinde Zwiefalten und des ZfP Südwürttemberg (von links): Regionaldirektor Dieter Haug, Bürgermeisterin Alexandra Hepp, Regionaldirektor Prof. Dr. Gerhard Längle, Historiker Dr. Bernd Reichelt und Pastoralreferentin Hildegard Jakob.

Jährlich erinnern das ZfP Südwürttemberg und die Gemeinde Zwiefalten am 27. Januar gemeinsam an die Opfer des Nationalsozialismus. Bei der diesjährigen Gedenkfeier wirkten traditionell wieder Schulklassen mit.

Der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus wird seit 1996 anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar begangen. Organisator Dr. Bernd Reichelt vom Forschungsbereich Geschichte der Medizin im ZfP Südwürttemberg begrüßte die etwa 200 Besucherinnen und Besucher im voll besetzten Konventbau des ZfP. "Ich freue mich, dass wieder Schüler:innen der Berufsfachschule für Pflege und der örtlichen Münsterschule mitwirken, um die Erinnerung wach zu halten." Prof. Dr. Gerhard Längle, Regionaldirektor Alb-Neckar im ZfP, ging in seiner Ansprache auf die politische Lage in den USA ein. Dort würden derzeit Hass gegen Migrant:innen und diejenigen, die “nicht zum Volk gehörten”, geschürt. Diese Entwicklung wollen rechte Parteien in Europa ebenfalls vorantreiben. „In einer solchen Gesellschaft wird Vielfalt begrenzt“, sagte Längle.

Psychisch Kranke wurden von den Nationalsozialisten systematisch verfolgt und ermordet. Die Stigmatisierung gegen psychisch Erkrankte in Deutschland sei auch heute wieder vielfach problematisch. "Dieser Gedenktag soll, kann und muss dafür sorgen, dass wir uns diesen Bestrebungen widersetzen und entgegentreten", bekräftigte der Regionaldirektor. Eine solche Gesellschaft, in der Ausgrenzung und Spaltung herrschten, “wollen wir alle nicht. Wir stellen uns mit Mitmenschlichkeit entgegen.”

Demokratie nicht aus der Hand geben

Historiker Reichelt ging in seinem Vortrag “Gemeinschaft ohne alle? Inklusion und Exklusion in der ´Volksgemeinschaft´” auf die Gesellschaftsform während der NS-Zeit ein und legte dar, wie bestimmte Gruppen immer mehr ausgegrenzt und schließlich verfolgt wurden. Mitgliedschaften in der NSDAP, der Hitlerjugend und weiteren Gruppierungen versprachen den Menschen Teilhabe. Heute finde eine Renaissance völkischer Begriffe statt. In einer Welt, die sich rasch verändere - sei es durch die menschengemachte Klimakatastrophe, durch immer näher rückende Kriege – würden rechtsextreme Parteien wie die AfD einfache Lösungen suggerieren. „Schuld sind andere und das Fremde.“ Doch Verantwortung für Demokratie trügen wir alle. „Demokratie ist anstrengend und bedeutet, miteinander zu reden. Lassen wir nicht zu, dass die Welt uns überfordert. Wir dürfen die Demokratie nicht leichtfertig aus der Hand geben“, ermutigte Reichelt.

Der Mittelkurs der Berufsfachschule für Pflege im ZfP beschäftigte sich in seinem Beitrag mit der Geschichte der Pflege während der NS-Zeit und heute. Die Schüler:innen lasen einen Erfahrungsbericht eines Pflegers vor, der damals in Zwiefalten gearbeitet und die Deportationen miterlebt hatte. 1940 wurden im Rahmen der sogenannten T4-Aktion mindestens 352 Patient:innen der Heilanstalt Zwiefalten und rund weitere 1.500 Patient:innen anderer Einrichtungen von Zwiefalten aus in die Vernichtungsstätten Grafeneck und Hadamar deportiert und ermordet. Die Schulklasse stellte die Frage: „Was hätten wir damals gemacht? Waren Pflegende machtlos?“ Heute werde der Mensch als Individuum gesehen und Pflegende wollen empathisch und vorurteilsfrei sein. „Menschen sind nicht illegal und Menschenrechte gelten universell“, betonte die Klasse. Auch die Klasse R10 der Münsterschule Zwiefalten hatte sich im Unterricht umfassend mit der NS-Zeit auseinandergesetzt. „Mehr, als es der Lehrplan vorsieht“, betonte Historiker Reichelt und dankte der Schule für die Unterstützung. Die Schüler:innen berichteten von ihrem Besuch der Gedenkstätte KZ Oberer Kuhberg in Ulm, was sehr eindrücklich gewesen sei. Die Schulklasse hatte für die Gedenkfeier Standbilder mit verschiedenen Szenen vorbereitet – angelehnt an Biografien von Menschen, die damals aus Gruppen deportiert wurden. „Heute wissen wir, dass Unterschiedlichkeit keine Gefahr ist. Die Verantwortung und das Erinnern sind wichtig, damit wir bemerken, wann Ausgrenzung beginnt“, sagte eine Schülerin. Demokratie ermögliche Perspektiven, ein Leben in Sicherheit, Gleichberechtigung und Toleranz.

Gräueltaten "vor der Haustür"

Die Gedenkveranstaltung im Konventbau wurde von der Musikformation “Ad Fontes” mit passenden Liedern musikalisch umrahmt, die zum Nachdenken anregten. Anschließend gingen die Teilnehmenden gemeinsam zum ehemaligen Anstaltsfriedhof beim Württembergischen Psychiatriemuseum. Dort erinnerte Bürgermeisterin Alexandra Hepp in ihrer Ansprache daran, dass die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz bereits 81 Jahre her sei. „Dies steht für das dunkelste Kapitel unserer Geschichte. Wir wollen nie vergessen, was geschehen ist und wieder geschehen kann." Das Grauen habe auch “vor unserer Haustür in Zwiefalten” stattgefunden: „Die Menschen, die ermordet wurden, gehörten zu unserer Gemeinde, sie waren Nachbarn“, sagte Hepp nachdenklich. Eine Gemeinschaft ohne alle, die auf Ausgrenzung und Gewalt beruhe, sei keine wahre Gemeinschaft. „Wir müssen die Stimmen von damals weitertragen – in der Schule, in der Gemeinde und überall, wo wir Gemeinschaft leben."

Danach legte Pastoralreferentin Hildegard Jakob in ihrer Besinnung den Fokus auf die eigene innere Haltung. Sie zitierte den Heiligen Franz von Assisi: „Die Liebe wird nicht geliebt.“ Unterschiedlichkeit sei ein Teil von uns. "Aber wissen wir das auch tief im Herzen?", fragte die Klinikseelsorgerin. Fremdheit mache Angst – das schaffe eine innere Enge, die Mitmenschlichkeit behindere. "Es bleibt uns und unserer Verantwortung überlassen, was sich in uns formt. Lassen Sie uns auf die Stimme der Liebe hören“, ermutigte Pfarrerin Jakob. Zum Abschluss der Gedenkfeier legten Bürger der Gemeinde Zwiefalten einen Gedenkkranz nieder.




Unsere Publikationen /