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Gefühle bekommen eine Insel: Psychiatrie zieht nach Saulishausen /

Zwei Frauen stehen vor einem Plakat auf dem "Insel der Gefühle" zu lesen ist.

Katrin Richter (links) und Kathrin Rothmund haben in der Spielstadt Saulishausen mit der „Insel der Gefühle“ einen Rückzugsort für Kinder geschaffen.

In der Kinderspielstadt Saulishausen in Bad Saulgau konnten Kinder in diesem Jahr nicht nur arbeiten, regieren und feiern, sondern auch über Gefühle sprechen, zur Ruhe kommen und erfahren: Psychische Gesundheit gehört zum Leben dazu.

Jedes Kind hat wohl schon einmal davon geträumt, erwachsen zu sein. In der Kinderspielstadt Saulishausen in Bad Saulgau wird dieser Traum jedes Jahr ein Stück weit Wirklichkeit: Eine Woche lang schlüpfen Kinder zwischen acht und zwölf Jahren in die Rollen von Erwachsenen, übernehmen Berufe, verdienen Geld, treffen Entscheidungen und gestalten ihre eigene Stadt auf Zeit. In diesem Jahr kam eine Einrichtung hinzu, die es in Saulishausen bislang nicht gab: die „Insel der Gefühle“ – die Spielstadt-Psychiatrie.

Die Idee dazu hatten Kathrin Rothmund, pflegerische Leiterin der Suchtabteilung des ZfP Südwürttemberg am Standort Bad Schussenried, und Katrin Richter, Assistenz der Pflegedienstleitung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am ZfP-Standort Weissenau. Beide engagieren sich auch persönlich für die Kinderspielstadt und haben Kinder, die selbst an dem Ferienprojekt teilnehmen.

„In Saulishausen gibt es ganz selbstverständlich ein Krankenhaus. Da haben wir uns gefragt: Warum eigentlich keine Psychiatrie?“, erzählt Rothmund. Die Idee brachten die beiden ZfP-Mitarbeiterinnen beim Projektträger, dem Kinder- und Jugendbüro des Hauses Nazareth, ein. Dort stießen sie auf offene Türen. „Die Verantwortlichen waren sofort begeistert. Offenbar hatten sie selbst schon das Gefühl, dass in der Spielstadt noch etwas fehlt“, sagt Rothmund.

Ein Ort für Gefühle, Verständnis und Mut

Die „Insel der Gefühle“ sollte dabei keine psychiatrische Einrichtung im klassischen Sinne darstellen. Vielmehr entstand ein geschützter und bewusst niedrigschwelliger Ort, an dem Kinder einfach sein durften: reden und zuhören, kreativ werden, spielen, entspannen oder auch einmal nichts tun. Es wurde gemalt und gebastelt, es gab verschiedene Spielangebote und Kinderyoga. Besonders beliebt waren die sogenannten „Marmeladenglasmomente“. Dabei hielten die Kinder schöne und wertvolle Augenblicke kreativ fest – kleine Erinnerungen, die man sich später wieder hervorholen kann, wenn es einem einmal nicht so gut geht.

„Wir wollten den Kindern zeigen, dass alle Gefühle ihren Platz haben – auch die schwierigen. Manchmal tut es gut, darüber zu sprechen. Manchmal braucht man einfach Ruhe. Und manchmal hilft es, etwas Kreatives zu machen“, beschreibt Katrin Richter das Konzept. Gerade in einer lebhaften Spielstadt mit zahlreichen Betrieben und Angeboten erwies sich die „Insel der Gefühle“ als besonderer Ort. Während es an vielen Stellen geschäftig zuging, war es hier bewusst etwas ruhiger. „Es gab Kinder, die genau so einen Rückzugsort gebraucht haben und für diese Kinder war es ein echter Gewinn, dass wir da waren“, sagt Richter.

Psychische Gesundheit darf kein Tabuthema sein

Dass die „Insel der Gefühle“ mehr war als ein zusätzliches Freizeitangebot, zeigte sich auch an der Offenheit der Kinder gegenüber dem Thema psychische Gesundheit. Dabei fiel auf: Je jünger die Kinder waren, desto unbefangener gingen sie mit Fragen rund um Gefühle und psychisches Wohlbefinden um. Beim Elternbesuchstag zeigte sich dagegen, dass psychische Erkrankungen noch immer mit Vorbehalten und Unsicherheiten verbunden sind. Vereinzelt gab es auch skeptische Reaktionen und die Frage, ob eine Psychiatrie wirklich Teil einer Kinderspielstadt sein müsse. Für Rothmund und Richter macht gerade das deutlich, wie wichtig Angebote wie die „Insel der Gefühle“ sind.

„Psychische Erkrankungen gehören zu unserer Gesellschaft – und viele Kinder erleben sie auch in ihrem eigenen Umfeld. Trotzdem wird darüber noch viel zu wenig gesprochen“, sagt Rothmund. „Wir möchten dazu beitragen, dass psychische Gesundheit etwas ganz Selbstverständliches wird und kein Thema, über das man lieber schweigt.“ Psychische Belastungen können bereits im Kindes- und Jugendalter auftreten. Ängste, Sorgen, Traurigkeit oder Überforderung können unterschiedliche Ursachen haben und zum Alltag von Kindern gehören. Umso wichtiger ist es, dass Kinder wissen, dass sie mit solchen Erfahrungen nicht allein bleiben müssen und wo sie Unterstützung finden können. „Kinder sollten früh erfahren: Es ist okay, wenn es mir einmal nicht gut geht. Ich muss mich dafür nicht schämen und ich muss auch nicht alles alleine schaffen. Über Probleme zu sprechen und sich Hilfe zu holen, ist ein Zeichen von Stärke“, betont Richter.

Damit leistet die „Insel der Gefühle“ auch einen kleinen Beitrag zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen, denn Vorurteile und Berührungsängste entstehen häufig dort, wo Wissen und persönliche Erfahrungen fehlen. Wenn psychische Gesundheit dagegen von Anfang an selbstverständlich mitgedacht und besprochen wird, kann sich auch der Blick darauf verändern.

Für Rothmund und Richter ist deshalb schon jetzt klar: Die „Insel der Gefühle“ soll keine einmalige Aktion bleiben. Im kommenden Jahr möchten die beiden das Angebot wieder nach Saulishausen bringen und weiterentwickeln. Geplant ist dann unter anderem, Gefühlscoaches auszubilden. Kinder könnten dabei lernen, andere Kinder bei kleinen Sorgen und Problemen zu unterstützen, zuzuhören und füreinander da zu sein. „Wir haben in diesem Jahr gesehen, dass die Insel gebraucht wird. Jetzt möchten wir schauen, was daraus noch entstehen kann“, sagt Rothmund.

 




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