Mit einer Theateraufführung und einer Kranzniederlegung erinnert das ZfP Südwürttemberg am 27. Januar an die Opfer des Nationalsozialismus. Im Mittelpunkt der diesjährigen Gedenkveranstaltung stand die Premiere des Theaterstücks „Karl Leube – Eine Frage des Gewissens“.
„Der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus ist ein Tag, der uns nicht nur erinnert, sondern verpflichtet.“ Mit diesen Worten eröffnete Regionaldirektorin Dr. Bettina Jäpel die öffentliche Gedenkveranstaltung in Bad Schussenried. 620 psychisch kranke und behinderte Menschen wurden aus der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Schussenried im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ nach Grafeneck deportiert und getötet. Auch heute noch mahne dieses Kapitel der Geschichte, Verantwortung zu übernehmen und Haltung zu zeigen, so Jäpel. Gerade in Zeiten gesellschaftlichen Wandels sei es unerlässlich, sich entschieden gegen Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit zu stellen. „Erinnern heißt, aus der Geschichte zu lernen und daraus Konsequenzen für unser heutiges Handeln zu ziehen“, betonte die Regionaldirektorin. Theresia Fischer, katholische Klinikseelsorgerin am ZfP-Standort Bad Schussenried, sprach ein abschließendes Gebet und mahnte in ihrer Ansprache, den Glauben an Menschlichkeit und Mitgefühl nicht zu verlieren. Die Kranzniederlegung wurde musikalisch umrahmt von Uli Neumann-Weber am Akkordeon und Heiko Grom an der Gitarre.
Theater als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Zahlreiche Gäste folgten anschließend der Einladung zur Premiere des Theaterstücks „Karl Leube – Eine Frage des Gewissens“ im Tagungsraum des Gustav-Mesmer-Hauses. Verfasst und inszeniert wurde das Stück von Theaterpädagoge Alexander Marx-Pabst; das Ensemble bestand aus Mitarbeitenden sowie Patientinnen und Patienten des ZfP Südwürttemberg. Auch die Theateraufführung wurde musikalisch begleitet: Musiktherapeut Grom hatte hierfür verschiedene musikalische Motive neu arrangiert und weiterentwickelt. Im Mittelpunkt der Inszenierung stand die Geschichte des evangelischen Pfarrers Karl Leube, der während der NS-Zeit in der Heil- und Pflegeanstalt Schussenried tätig war und miterleben musste, wie seine Pfleglinge 1940 mit den sogenannten „Grauen Bussen“ nach Grafeneck gebracht und dort ermordet wurden. Das Stück stellt eindringliche Fragen nach Gewissen, Verantwortung und Zivilcourage: Wer wusste was? Wann wird Schweigen zur Mitschuld? Und welche Bedeutung haben diese Fragen für unsere heutige Gesellschaft und Demokratie?
Zur inhaltlichen Vorbereitung stand Marx-Pabst in engem Austausch mit der Enkelin Karl Leubes, Beate Walaschek-Leube. Sie stellte dem Theaterpädagogen umfangreiche Aufzeichnungen und persönliche Berichte ihres Großvaters zur Verfügung. „Für mich ist es eine große Erleichterung, dieses Vermächtnis mit jemandem teilen zu können“, so Walaschek-Leube. Die Weitergabe dieser Zeugnisse sei ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung und Erinnerungskultur.
Bewegender Abschluss
Über 100 Besucherinnen und Besucher verfolgten die eindrucksvolle und berührende Premiere des Theaterstücks „Karl Leube – Eine Frage des Gewissens“. Besonders bewegend war ein Brief des 92-jährigen Helmut Bader, den der Regisseur zum Abschluss verlaß. Baders Vater, Schuhmachermeister Martin Bader, war 1938 wegen einer Parkinson-Erkrankung in der Heil- und Pflegeanstalt Schussenried untergebracht worden und wurde 1940 im Alter von 39 Jahren von den Nazis deportiert und ermordet. In seinem Schreiben erinnerte sich Bader an seinen Vater als lebensfrohen, humorvollen und intelligenten Menschen – und machte deutlich, dass dieser ganz sicher nicht „lebensunwert“ gewesen sei.
Lang anhaltender Applaus würdigte das Ensemble der ZfP-Theaterwerkstatt und die intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte. In ihrem Schlusswort dankte Regionaldirektorin Jäpel allen Beteiligten ausdrücklich für ihr Engagement. „Solche Formen der Aufarbeitung sind von unschätzbarem Wert“, betonte sie. „Sie geben den Opfern ihre Würde zurück und erinnern uns daran, wie wichtig Menschlichkeit, Haltung und Verantwortung – damals wie heute – sind.“
Info: Das Projekt wurde unterstützt von der Partnerschaft für Demokratie im Landkreis Biberach, welches durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ gefördert wird.




