Zu Ehren des scheidenden Landesgesundheitsministers Manne Lucha MdL lud das ZfP Südwürttemberg zu einem Symposium ein, welches die Entwicklung der gemeindepsychiatrischen Versorgung im Landkreis Ravensburg und im Bodenseekreis beleuchtete.
Manne Lucha, seit Mai 2016 und noch bis zur Vereidigung einer neuen Landesregierung baden-württembergischer Minister für Soziales, Gesundheit und Integration, ist durch seinen Werdegang seit je her eng mit dem ZfP Südwürttemberg verbunden. In Weissenau schloss er 1988 seine Krankenpflege-Ausbildung ab und engagierte sich anschließend für die Etablierung sozialpsychiatrischer Strukturen, ehe er in die Kommunalpolitik ging und später zum Berufspolitiker wurde. Hier spürte er auch das noch heute für den Standort charakteristische Menschenbild, das sich durch Positivität, Offenheit und Teilhabe auszeichnet.
Dr. Paul Lahode, Geschäftsführer der Zentren für Psychiatrie Südwürttemberg und Reichenau, sagte: „Sie haben in den letzten 40 Jahren maßgeblich die Sozialpsychiatrie in unserer Region, in unserem Land und in unserer Gesellschaft mitgeprägt und viele Jahre in der unmittelbaren Gesundheitsversorgung und in der gemeindenahen psychiatrischen Versorgung gearbeitet. Sie haben keine klassische Politikerkarriere gemacht, Sie kommen aus der Praxis. Erfolgreiche Karrieren bergen die Gefahr, dass Menschen den Bezug zur Basis verlieren. Dies kann man von Ihnen ganz und gar nicht behaupten. Mit Ihrem grundsätzlichen Interesse an Menschen und Ihrem besonders praxisnahen Blick auf die Sozialpsychiatrie haben Sie die Versorgung psychisch erkrankter Menschen immer unterstützt und stetig weiterentwickelt.“
Ravensburgs Erster Bürgermeister Dr. Andreas Honikel-Günther überbrachte den Dank und die Grüße von OB Dr. Daniel Rapp ebenso wie von der gesamten Stadtverwaltung: „Heute schließt sich ein lebensgeschichtlicher Kreis: Ich habe Sie als jungen Oberbayern mit klarer Kante und großem Gerechtigkeitssinn kennenlernen dürfen, der geradlinig, beharrlich und ehrlich war und bis heute geblieben ist. Sie waren 22 Jahre im Ravensburger Gemeinderat und 17 Jahre im Kreistag aktiv, waren authentisch, diskursfreudig und stets ein Verfechter unserer demokratisch-freiheitlichen Grundordnung – dafür gilt Ihnen unser Dank und unsere Hochachtung.“
Simon Blümcke, Oberbürgermeister der Stadt Friedrichshafen, sagte: „Minister zu werden und dabei weiter auch Mensch zu bleiben, ist etwas Besonderes, das nicht alle schaffen, denen solch eine Karriere gelingt. Für Ihre Fähigkeit zu Ausgleich und Kompromiss war die Kommunalpolitik sicherlich eine gute Kinderstube. Der von Ihnen stets vertretene Ansatz der Entstigmatisierung, der Inklusion und des Miteinanders ist auch deshalb so wichtig, weil jede und jeder einmal psychisch erkranken und auf eine gute Versorgung angewiesen sein könnte.“
Dr. Raoul Borbé, Leiter des Geschäftsbereichs Gemeindepsychiatrie der ZfP-Region Ravensburg-Bodensee sowie Vorstand des Arkade e.V., und Hubert Kirchner, ehemaliger Geschäftsführer der Arkade-Pauline 13 gGmbH und des Arkade e.V., beleuchteten die Entwicklungsschritte der sozialpsychiatrischen Versorgung in der Region und attestierten dieser einen zyklischen Verlauf: „Blaupause für die Entwicklung der Gemeindepsychiatrie in Deutschland war die Psychiatrie-Enquete von 1975. In Weissenau begann es dann 1977 mit der Gründung des Vereins für Psychisch-Kranke. Seitdem ist es ein Wechsel aus Verfestigung und Erosion – es geht mal aufwärts, aber auch mal abwärts.“
Prof. Dr. Iris Tatjana Graef-Calliess, Leiterin des Zentralbereichs Forschung und Lehre und Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Ravensburg-Bodensee, und Martin Holzke, Regionaldirektor Ravensburg-Bodensee und Leiter des Zentralbereichs Pflege und Medizin, gingen auf die Rolle der psychiatrischen Klinik im gemeindepsychiatrischen Verbund ein. Ihr Fazit: „Das Krankenhaus bleibt unverzichtbar, aber seine Legitimation liegt heute nicht mehr in der Alleinzuständigkeit, sondern in seiner Akutkompetenz, in der Spezialisierung und in der verlässlichen Kooperation innerhalb des Verbunds.“ Um eine bedürfnisorientierte Versorgung aufrecht zu erhalten, seien ambulante und aufsuchende Angebote sowie ein Rechtskreis übergreifender Ansatz von zentraler Bedeutung. Im Zuge dieser Enthospitalisierung gelte es, grundsätzlich die Frage zu klären: „Wieviel Bett braucht ein psychisch erkrankter Mensch?“
Rund 100 geladene Gäste waren der Einladung in den Weissenauer Festsaal gefolgt. Der ehemalige ZfP-Geschäftsführer Dr. Dieter Grupp moderierte die Veranstaltung. Manne Lucha oblag das Schlusswort: „Das zutiefst humanistische Weltbild und die engagierten Persönlichkeiten der Weissenau haben mich nachhaltig geprägt. Die Psychiatrie im Land war seinerzeit reaktionär und verstaubt; und es musste aus der Basis heraus erzwungen werden, dass sie sich zu den Menschen hinbewegt. Und warum konnten wir gemeinsam so erfolgreich sein? Weil wir den Menschen etwas zugetraut haben – und das muss auch künftig trotz schrumpfender Ressourcen möglich sein.“ Der Sinn von Politik sei Freiheit, so der 65-Jährige, die offene Gesellschaft dürfe nicht in Frage gestellt werden. Sein Leitspruch sei stets gewesen: „Es gibt keine Ränder in unserer Gesellschaft; alles was geschieht, geschieht immer in ihrer Mitte.“




