Wie lassen sich Zwang und Gewalt in psychiatrischen Einrichtungen vermeiden? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Fortbildung in Montenegro. PD Dr. Sophie Hirsch, Chefärztin am ZfP Südwürttemberg, vermittelte gemeinsam mit Deeskalationstrainer Sascha Mesic aus Heidenheim wissenschaftliche Grundlagen und praktische Strategien.
Eine Woche lang waren die beiden Fachleute im Spezialkrankenhaus für Psychiatrie „Dobrota“ im montenegrinischen Kotor zu Gast. Ziel war es, die Mitarbeitenden im Umgang mit aggressivem Verhalten zu schulen und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sich Konfliktsituationen frühzeitig entschärfen und Zwangsmaßnahmen vermeiden lassen. Die Fortbildung wurde von der Nichtregierungsorganisation Human Rights Action mit Fördermitteln der Deutschen Botschaft organisiert.
Die psychiatrische Versorgung in Montenegro steht vor großen Herausforderungen. Dobrota ist die größte stationäre psychiatrische Einrichtung und zugleich die einzige forensisch-psychiatrische Klinik des Landes. Auf die schwierigen Bedingungen in der Einrichtung hat auch das Europäische Komitee zur Verhütung von Folter (CPT) hingewiesen, das die Einhaltung menschenrechtlicher Standards unter anderem in psychiatrischen Kliniken überprüft. Montenegro befindet sich derzeit in Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union. Wie sehr sich der Klinikalltag von dem in Deutschland unterscheidet, wurde bei einer Besichtigung der Einrichtung deutlich. „Überbelegung, räumliche Engpässe und begrenzte personelle Ressourcen“, berichtet Chefärztin PD Dr. Sophie Hirsch von ihren Eindrücken. Umso wichtiger seien geeignete Strategien, um Konflikte frühzeitig zu erkennen und zu entschärfen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Übungen
Die Chefärztin der Abteilung Biberach für Psychiatrie und Psychotherapie war federführend an der Aktualisierung der S3-Leitlinie zur Verhinderung von Zwang beteiligt. Die Leitlinie bündelt wissenschaftlich fundierte Empfehlungen zur Prävention von Aggression und zur Reduzierung von Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie. An drei Vormittagen stellte Hirsch den Mitarbeitenden in Kotor die zentralen Inhalte vor. Den praktischen Teil übernahm Sascha Mesic, ausgebildeter PAIR-Deeskalationstrainer der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Klinikum Heidenheim. Das Trainingskonzept vermittelt Strategien zur Prävention von Aggression und Gewalt sowie zum professionellen Umgang mit eskalierenden Situationen. In einer kompakten Schulung diskutierte Mesic mit den Pflegekräften konkrete Situationen aus dem Klinikalltag. Im Mittelpunkt standen Gesprächsführung, Kommunikation und Deeskalation.
Internationale Vernetzung ermöglicht Zusammenarbeit
Eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Zusammenarbeit spielte Dr. Jovo Đedović, Direktor der Klinik Dobrota. Er setzt sich für die Weiterentwicklung der psychiatrischen Versorgung in seiner Klinik ein und nutzte seine internationalen Kontakte, um zusätzliche fachliche Expertise nach Kotor zu holen. Über die europäischen Forschungsnetzwerke FOSTREN und International Violence and Coercion Prevention and Reduction Group (EViPRG), in denen Hirsch aktiv ist, war ihm die Arbeit der ZfP-Chefärztin bereits bekannt. Als sich durch die Förderung der Deutschen Botschaft und die Unterstützung von Human Rights Action die Möglichkeit für eine Fortbildung ergab, fragte er Hirsch für die Schulungen an. Diese sagte zu und holte für den praxisorientierten Teil Sascha Mesic hinzu. Gemeinsam mit Đedović entwickelten die beiden im Vorfeld ein Konzept, das wissenschaftliche Erkenntnisse mit konkreten Übungen verbindet und die besonderen Bedingungen der Klinik berücksichtigt. Der Klinikdirektor begleitete die Vorbereitung und Umsetzung der Fortbildung vor Ort.
Der herzliche Empfang und das große Interesse der Mitarbeitenden hinterließen bei den Gästen einen positiven Eindruck. Hirsch sieht in der Zusammenarbeit eine wertvolle Möglichkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse international in die Versorgungspraxis zu übertragen. „Wir hoffen, dass wir mit unseren Schulungen hilfreiche Impulse geben konnten und die Mitarbeitenden einige Anregungen für ihren Arbeitsalltag mitnehmen“, so die Chefärztin. Auch eine Fortsetzung oder ein Ausbau des fachlichen Austauschs sei für sie gut vorstellbar.




