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Zwei Menschen (links ein Mann, rechts eine Frau), von hinten gesehen, laufen nebeneinander auf einem Weg durch einen Park mit vielen Bäumen rundherum.

Im neuen Unterstützungszentrum in der Zwiefalter Hauptstraße finden vor allem Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen eine Anlaufstelle und Beschäftigungsangebote. Spielen, Tischkickern, Reden oder ein Spaziergang im Park: Es sind oft kleine Dinge, die den Menschen Halt und eine Alltagsstruktur geben.

Vor wenigen Monaten hat ein multiprofessionelles Team das neue Unterstützungszentrum in der Hauptstraße in Zwiefalten bezogen. Das Haus ist Dreh- und Angelpunkt für individuell zugeschnittene Hilfsangebote rund ums ambulant betreute Wohnen des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) am Standort Zwiefalten.

Der Duft ist ziemlich einladend: frischer Kaffee. Mit einer Tasse davon könnte man es sich am großen Tisch in der hellen Sitzecke gemütlich machen. Vielleicht in einer Zeitschrift blättern. Musik hören oder Tischkicker spielen. Das ehemalige Versicherungsbüro in der Zwiefalter Hauptstraße hat sich in ein offenes Haus verwandelt, seit der Geschäftsbereich Arbeit und Wohnen hier eingezogen ist. Mitten im Ort, mitten im Leben bietet das neue Unterstützungszentrum vor allem Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen eine Anlaufstelle. Das Angebot ist ein weiterer Baustein in der ambulanten Betreuung und richtet sich an Menschen, die längerfristig in einer Wohngruppe oder in einer eigenen Wohnung in Zwiefalten leben.

Das Konzept setzt sich aus zwei Elementen zusammen: Das achtköpfige, multiprofessionelle Team besucht seine Klientinnen und Klienten in der Regel einmal wöchentlich zuhause. Zusätzlich bietet es im Unterstützungszentrum „tagesstrukturierende Maßnahmen“ an. Betreut wird hier niemand nach Schema F: „Wir richten unsere Angebote am jeweiligen Bedarf der Menschen aus, die zu uns kommen", sagt Johanna Bentele, die als Leiterin des Bereichs Arbeit und Wohnen auch für die ambulanten Dienste zuständig ist. Dieser individuelle Ansatz sei mit sehr viel Aufwand verbunden, betont auch Prof. Dr. Gerhard Längle, Regionaldirektor des Bereichs Alb-Neckar im ZfP. „Diese Struktur ist für uns in Zwiefalten etwas ganz Neues - auch wenn wir sie bei einem unserer Tochterunternehmen, der GP.rt, in Reutlingen bereits erfolgreich realisiert haben.“ Ambulant vor stationär: Dieser Grundsatz gilt inzwischen auch in der sozialen Rehabilitation psychisch Kranker. Zwischen Anspruch und Verwirklichung steht die Finanzierung. Und die sei immer noch mit erhöhtem, oft mühsamem Abstimmungsbedarf mit den Kostenträgern verbunden, bedauert Längle: „Stationäre Einrichtungs- und Wohnangebote haben in Deutschland eine lange Tradition, der Übergang zu ambulanten Angeboten ist deshalb nicht immer einfach“, erklärt Längle.

Gruppen- und Einzelangebote

Ein zentraler Baustein der ambulanten Hilfen sind die Hausbesuche. Hier steht das Gespräch im Vordergrund. Unter vier Augen können Klientinnen und Klienten Themen, die sie beschäftigen oder belasten, ansprechen. Aber auch ganz praktische Hilfestellungen sind möglich – zum Beispiel, wenn jemand Unterstützung beim Ausfüllen von Formularen oder Begleitung beim Arztbesuch braucht. Die Mitarbeitenden des ambulanten Diensts verstehen sich vor allem als Gesprächspartner und Alltagsbegleiter, sie sind weder Pflege- noch Haushaltshilfen: „Wir saugen also nicht Staub, sondern motivieren den jeweiligen Menschen dazu, das selbst zu tun“, macht die Sozialpädagogin Christina Bartl ein einfaches Beispiel.

Im Unterstützungszentrum gibt es ergänzend dazu Gruppen- und Einzelangebote für die derzeit rund 30 Klientinnen und Klienten im Alter zwischen 20 und 60 Jahren. „Wir können jeden einzeln fördern, um seine persönliche Belastungsgrenze zu finden“, sagt Christina Bartl. Vom Back-Nachmittag bis hin zu kleineren Montagearbeiten, die jemanden behutsam auf eine regelmäßige Tätigkeit in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung vorbereiten, ist vieles möglich. So unterschiedlich wie die Menschen, die hier betreut werden, ist auch das Team: Jeder bringt seine eigene Biografie und seinen beruflichen Background mit. Die einen haben eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger, zum Heil- oder Arbeitserzieher gemacht, andere haben Sozialpädagogik studiert. Zum Team gehören außerdem Vera Steinhart, die hier ihr Freiwilliges Soziales Jahr macht, und Michael Blum. Er blickt selbst auf eine von Sucht und Depressionen geprägte Lebensphase zurück und hat – die noch sehr neue – einjährige Ausbildung zum Genesungsbegleiter absolviert. „Ich war 15 Jahre schwerstabhängig von Alkohol und Drogen“, erzählt der 55-Jährige. Vor drei Jahren kam er nach Zwiefalten, auf Therapie und Genesungsprozess folgte der Neustart mit Ausbildung und Job beim ZfP. Drei Tage in der Woche arbeitet er nun im Team des Unterstützungszentrums mit. Er leitet die Laufgruppe und ist als Gesprächspartner für die Klienten da.

Hausbesuch bei einem Klienten

Petra Fuchsloch ist schon seit vielen Jahren im ZfP. Sie hat ihre Ausbildung zur Krankenschwester in Zwiefalten gemacht und später auf verschiedenen Stationen gearbeitet, unter anderem in der Suchtaufnahme. Nun ist sie in den ambulanten Dienst gewechselt und hat bei ihren Hausbesuchen immer wieder auch mit Menschen zu tun, deren Krankheitsgeschichten sie seit Jahren mitverfolgt. Einer dieser Menschen ist Bernd. „Wäre ich daheim geblieben, wäre ich schon lange auf 1,80“, sagt er. Dafür, dass er nicht schon längst unter der Erde liegt, sondern wieder mitten im Leben steht, ist er dankbar – dem Schicksal und vor allem den Menschen, die ihm geholfen haben, den Kreislauf seiner Alkoholsucht nach Jahrzehnten zu durchbrechen.

Heute kann er offen über seine Geschichte sprechen. Mit 14 fängt er an zu trinken, von zuhause kennt er es nicht anders: „Mein Vater war auch Alkoholiker.“ Die Ausbildung auf dem Bau bringt Bernd noch mit Anstand zu Ende, Danach geht‘s steil bergab. Als Geselle findet er keine Stelle, hangelt sich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob, bis auch das nicht mehr läuft. Das Arbeitsamt schickt ihn auf Schulung, „aber das geht nicht lange gut, wenn man ständig besoffen ist und dort gar nicht erst auftaucht. Bernd ist selbstkritisch, kann auch hart sein zu sich selbst. Also tut er, was man ihm auf dem Amt dringend nahegelegt hat, weil es sonst irgendwann kein Geld mehr gibt: „Ich hab mir eine Überweisung vom Hausarzt für die Psychiatrie geholt.“ Er will Schluss machen mit dem Alkohol und dieser Art von Leben, das sich nur um Kneipen, den nächsten Schnaps, den nächsten Rausch dreht. Am Abend bevor er nach Zwiefalten fahren und sich auf der Suchtstation melden will, beschließt er, vorher noch schnell all seine Alkoholvorräte aufzubrauchen. „Damit sie mir niemand wegtrinkt.“ Total paradox. Und lebensgefährlich. „Ich bin schließlich im Krankenwagen hier angekommen.“

Das war vor 13 Jahren. Hinter Bernd liegt ein langer, harter Weg von der Suchtstation über die Langzeittherapie Schritt für Schritt zurück in ein selbstbestimmtes Leben. Seit zehn Jahren hat er seine eigene Wohnung in Zwiefalten. „Wahrscheinlich bleib‘ ich hier für immer.“ In zwei Jahren will Bernd in Rente gehen. Bis dahin wird er weiterhin in der Klinik-Gärtnerei arbeiten. Im Winter, wenn es dort weniger zu tun gibt, schnippelt er Gemüse für die Küche. Im Sommer wird er wieder mit dem Aufsitzrasenmäher durch den Park rund ums Münster fahren. Da freut er sich jetzt schon drauf. Es ist ein Leben mit Regeln und Grenzen: Täglich wartet auf Bernd nicht nur ein Corona-, sondern auch ein Atemalkoholtest. Einmal in der Woche bekommt er Besuch vom ambulanten Dienst, regelmäßig schaut er im Unterstützungszentrum vorbei. Die Besuche geben Struktur und Halt. „Wenn ich ein Problem hab‘, weiß ich, wohin damit.“ Manchmal sind es alltägliche Sorgen, die Miete und die Nebenkosten. Manchmal sind es existenzielle Ereignisse, die ihn aufwühlen. Bernd hat in seinen 13 Jahren in Zwiefalten Freunde gefunden. Vor wenigen Wochen musste einer von ihnen gehen. Für immer. Und ganz unerwartet. Das nagt an ihm, „da kommen immer wieder Bilder hoch“, vertraut er Petra Fuchsloch an. Dann braucht Bernd jemanden zum Reden. An Tagen wie diesen, gesteht er, „könnte ich alles hinschmeißen.“ Er tut es nicht. Weil er weiß: Da ist jemand, der ihn davon abhält, der ihn auffängt.




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