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Tiergestützte Behandlung in der Suchtmedizin /

Therapieschaf Toni schaut neugierig durch den Zaun ihres Geheges direkt in die Kamera, im Hintergrund sind unscharf Menschen, Bäume und Schafe zu sehen.

Mensch, herzlich willkommen: Herdenchefin Toni schaut neugierig durch den Zaun ihres Geheges auf dem Erlebnis- und Lern-Bauernhof „Prinzenhof“ bei Leutkirch im Allgäu.

Authentisch, friedvoll, hochsozial: Schafe werden im ZfP Südwürttemberg für tiergestützte Interventionen im Rahmen der Suchttherapie eingesetzt. Die „wo(h)lligen Schafstunden“ werden von der Forschungsabteilung mit einer Studie begleitet, welche die Effekte auf die Behandelten wissenschaftlich untersucht.

Die Schafdamen Anni, Toni und Zenzi sowie der kleine Bock Kopernikus schauen gespannt, aber entspannt auf die siebenköpfige Menschengruppe, die sich da in der Hofeinfahrt des Leutkircher Prinzenhofs versammelt hat. Es handelt sich um vier Patient:innen, die sich in der Abteilung für Suchterkrankungen am Standort Weissenau stationär in Behandlung befinden, zwei Therapeutinnen des ZfP Südwürttemberg sowie Hofbetreiberin Petra Prinz. In den kommenden drei Stunden werden sich Mensch und Tier zunächst behutsam kennenlernen, ehe es gemeinsam auf eine kleine Wanderung in den Wiesen rund um den Bauernhof geht. 

Auf der Station, von der die Patient:innen kommen, werden Menschen mit einer Suchterkrankung behandelt, die zusätzlich mindestens eine weitere psychiatrische Diagnose haben, zum Beispiel Depression, Persönlichkeitsstörung oder Schizophrenie. „Hauptdiagnose ist aber immer die Drogen,- Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit oder eine nicht substanzbezogene Abhängigkeitserkrankung, beispielweise Spielsucht“, erläutert Carmen Nauß, Fachkraft für tiergestützte Interventionen und Therapie, die das Projekt im Juli 2021 am ZfP Südwürttemberg ins Leben rief.

Etwa einmal im Monat bietet sie diese Form der tiergestützten Intervention, kurz TGI, seither für die Abteilung zur Behandlung von Menschen mit Suchterkrankungen an. Auch für andere Abteilungen oder Stationen ist sie buchbar. Die Teilnehmer:innen werden dafür eine Woche vorher ausgewählt. An der Entscheidung sind Therapeut:innen, Ärzt:innen, Sozialarbeitende und Pflegekräfte beteiligt. Die Grundvoraussetzung für die Teilnahme sind neben der Indikation: körperliche Belastbarkeit, Absprachefähigkeit und Affinität zu Tieren. Nauß: „Wir legen Wert darauf, denjenigen Patienten den Vorzug zu geben, welche stark emotional belastet oder chronisch krank sind oder besondere Unterstützung in der Beziehungsgestaltung benötigen.“  

Die positive Wirkung von Tieren auf den Menschen ist wissenschaftlich vielfältig belegt. So wurde im ZfP Südwürttemberg unter anderem eine Studie bezüglich der Wirkung von Hunden auf suchtkranke Menschen durchgeführt, die signifikant positive Ergebnisse lieferte. „Einige der hervorstechenden Eigenschaften von Tieren sind die nonverbale Kommunikation, eine Entkopplung von menschlichen Moralvorstellungen und Vorurteilen sowie eine direkte Rückmeldung ohne Wertung“, erklärt Nauß.

Schafe im Besonderen eignen sich für die TGI, da sie nicht dressiert werden können und daher sehr authentisch wirken, sie Körperkontakt mögen und auf ihr Gegenüber direkt und eindeutig mit Zuwendung oder Flucht reagieren. „Sie leben in Herdenverbänden mit starken Sozialstrukturen, daher sind sie genetisch bedingt hochsozial und verfügen über Bindungskompetenz, außerdem lösen Schafe kaum Ängste aus, da ihr Aggressionspotenzial sehr gering ist.“ Sie sind darüber hinaus sehr sensibel und haben feine Sinnesorgane, daher ist Achtsamkeit im Umgang mit ihnen notwendig. Die Tiere machen Nauß zufolge zudem neugierig, dadurch seien Patient:innen womöglich motivierter, an einer TGI teilzunehmen.

Der am häufigsten zu beobachtende positive Effekt der TGI mit den Schafen sei eine Veränderung in der Beziehungsgestaltung, erläutert Nauß weiter. Sowohl das Verhältnis der Patient:innen untereinander wie auch die Beziehung zu den Behandelnden veränderten sich hin zu einem Gemeinschaftsgefühl, zu Verständnis und Vertrauen. Im therapeutischen Setting werde häufig über Gefühle, Bedürfnisse und Verhaltensänderungen gesprochen. Tiere ermöglichen, diese unmittelbar zu spüren, damit kann die TGI den therapeutischen Prozess durch ein Erleben der Inhalte bereichern und ergänzen. 

„Das dysfunktionale Verhalten wird häufig ganz automatisch in ein funktionales umgewandelt – sonst sind die Schafe nämlich weg!“ Und so berichte der Großteil der Patient:innen anschließend, dass sie sich entspannter und glücklicher gefühlt hätten. Nauß: „Es wird gelacht, sich achtsam im Hier und Jetzt wahrgenommen, Ruhe und Entspannung gefühlt, körperlicher Kontakt hergestellt und vieles mehr.“

Dass die Wahl für die TGI auf den Prinzenhof fiel, lag neben der Fachkompetenz von Hofbetreiberin Petra Prinz daran, dass ihre Schafe sehr gut ausgebildet sind und vorbildlich gehalten werden: „Zwei der vier Schafe sind bereits in sechster beziehungsweise siebter Generation als Therapieschafe beschäftigt. Zusätzlich finden regelmäßige Trainings statt, in denen sie an ungewöhnliche Geräusche, Bewegungsmuster, Gerüche und ähnliches gewöhnt werden, damit sie im Einsatz keinen Stress verspüren.“

Die „wo(h)lligen Schafstunden“ sollen auch 2023 fortgesetzt werden, erste Ergebnisse der begleitenden ZfP-Studie werden Anfang des Jahres erwartet.




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